PatVerfü-Handbuch

Das PatVerfü-Handbuch enthält ausführliche Informationen rund um das Thema PatVerfü. Sie können das Handbuch online lesen, als EBook herunterladen oder die gedruckte Broschüre bestellen. Oder lesen Sie die Einführung ins Thema.

Das PatVerfü-Handbuch ent­hält aus­führ­li­che In­for­ma­tio­nen rund um das Thema Pat­Verfü. Die The­men rei­chen von den ge­setz­li­chen Grund­la­gen für psych­ia­tri­schen Zwang bis hin zu prak­ti­schen Tipps, um sich mit der Pat­Verfü vor Zwangs­maß­nahmen zu schützen.

Hinweise für psychiatrische Fachärzte

Hin­wei­se für: Rich­ter | Be­treu­er | Psych­ia­ter

Am 18.6.09 hat der Ge­setz­ge­ber ins­be­son­de­re für die Psych­ia­trie ei­ne weit­rei­chen­de und ein­schnei­den­de Ent­schei­dung ge­trof­fen: Weil durch das neue Ge­setz der Wil­le des Pa­ti­en­ten vor des­sen Wohl ge­stellt ist, wird psych­ia­tri­scher Pa­ter­na­lis­mus zu ei­ner Rest­ka­te­go­rie. Dies ge­schieht da­durch, dass nun das Wohl des Er­wach­se­nen sub­jek­tiv von die­sem selbst, ge­mäß sei­nes Wün­schens und Wol­lens, de­fi­niert wird, selbst dann, wenn über sei­nen Wil­len nur ge­mut­maßt wer­den kann. Bis­her war die Be­stim­mung des Wohls gut­ach­ten­den Ärz­ten über­las­sen, de­ren Ur­teil von Rich­tern so gut wie im­mer be­stä­tigt wur­de. Die Ent­schei­dung soll­te als „ob­jek­tiv“ oder „ra­tio­nal“ le­gi­ti­miert er­schei­nen, do­ku­men­tier­te aber tat­säch­lich nur ei­ne Herr­schafts­struk­tur: psych­ia­tri­schen Paternalismus.Er wird zur Rest­ka­te­go­rie, weil nur dann, wenn fest­steht, dass ei­ne Per­son:

  1. so­wohl kei­ne Pat­Ver­fü hat, als auch

  2. psych­ia­tri­schem Dia­gnos­ti­zie­ren wis­sent­lich und wil­lent­lich, al­so nach um­fas­sen­der In­for­ma­ti­on über de­ren mög­li­che Wir­kun­gen, Kon­se­quen­zen und Ne­ben­wir­kun­gen und sons­ti­ge Wei­ter­ver­wen­dung, zu­ge­stimmt hat, ei­ne psych­ia­tri­sche Dia­gno­se über­haupt er­stellt wer­den darf.

Der Ge­setz­ge­ber hat ge­ra­de auch die­sen ers­ten Schritt me­di­zi­ni­scher Be­hand­lung in dem neu­en § 1901 a BGB er­fasst und un­ter den Zu­stim­mungs­vor­be­halt des Be­trof­fe­nen ge­stellt:

(1) Hat ein ein­wil­li­gungs­fä­hi­ger Voll­jäh­ri­ger für den Fall sei­ner Ein­wil­li­gungs­un­fä­hig­keit schrift­lich fest­ge­legt, ob er in be­stimm­te, zum Zeit­punkt der Fest­le­gung noch nicht un­mit­tel­bar be­vor­ste­hen­de Un­ter­su­chun­gen sei­nes Ge­sund­heits­zu­stan­des….“

Da ge­ra­de für Rich­ter das Ge­setz Richt­schnur und Maß­stab der Ent­schei­dung ist, kön­nen Ge­rich­te die zwangs­wei­se Er­stel­lung ei­ner psych­ia­tri­schen Dia­gno­se nur noch dann an­ord­nen, wenn da­bei die Hin­wei­se für Rich­ter (s.o.) be­ach­tet wer­den.[88] Psych­ia­tri­sche Dia­gno­sen oh­ne in­for­mier­te Zu­stim­mung des Be­trof­fe­nen kön­nen da­durch nur noch durch ei­ne do­ku­men­tier­te oder durch Zeu­gen be­wie­se­ne vor­he­ri­ge Zu­stim­mung zu die­sem ers­ten me­di­zi­ni­schen Schritt le­ga­li­siert wer­den. Il­le­gal vor­ge­nom­me­ne Un­ter­su­chun­gen sind ei­ne Per­sön­lich­keits­rechts­ver­let­zung und kön­nen zu emp­find­li­chen Sank­tio­nen füh­ren – er­in­nert sei z.B. an il­le­gal er­stell­te HIV oder Gen-Tests. Sie sind mit me­di­zi­ni­schem Ethos un­ver­ein­bar.

Die Emp­feh­lun­gen im fol­gen­den Ab­schnitt ma­chen wir, ob­wohl wir da­von über­zeugt sind, dass es kei­ne psy­chi­schen Krank­hei­ten gibt und des­we­gen so­wie­so nichts psych­ia­trisch dia­gnos­ti­ziert wer­den kann. Da aber Ärz­te die­se Prä­mis­se (bis­her!) nicht tei­len, wer­den die fol­gen­den Rat­schlä­ge un­ter der Fik­ti­on ge­macht, dass es sie doch gä­be und psych­ia­tri­sche Fach­ärz­te ei­ne Hil­fe an­bie­ten könnten.An die Stel­le der bis­her al­le psych­ia­tri­schen Maß­nah­men durch­zie­hen­den Ge­walt, sei es als di­rek­ter Zwang oder nur als im­pli­zi­te, struk­tu­rel­le Dro­hung mit der Ge­fan­gen­nah­me in ei­ner „Ge­schlos­se­nen“ und der Zwangs­be­hand­lung in der­sel­ben, hat Über­zeu­gung zu tre­ten:

Der Pa­ti­ent muss durch Tat­sa­chen über­zeugt wer­den, dass die Vor­schlä­ge psych­ia­tri­scher Fach­ärz­te in kei­nem Fall zu ei­ner nicht mehr ein­ver­nehm­li­chen Hand­lung des Arz­tes füh­ren. Die Zu­stim­mung des Pa­ti­en­ten soll­te im­mer wie­der z.B. durch des­sen Un­ter­schrift do­ku­men­tiert wer­den. Das Recht „Nein“ zu sa­gen muss nicht nur je­der­zeit für den Pa­ti­en­ten gel­ten, son­dern auch von ihm ge­glaubt und ver­spürt wer­den. Ein Hilfs­mit­tel der  Über­zeu­gungs­ar­beit könn­te z.B. das An­ge­bot des Arz­tes sein, sei­ne strik­te und stren­ge Ein­hal­tung ärzt­li­cher Schwei­ge­pflicht, auch ge­gen­über al­len staat­li­chen Or­ga­nen und ins­be­son­de­re Ge­rich­ten, durch ei­ne schrift­li­che Er­klä­rung ge­gen­über dem Pa­ti­en­ten zu do­ku­men­tie­ren. Jeg­li­che Gut­ach­ter­tä­tig­keit für ei­ne Zwangs­ein­wei­sung des Pa­ti­en­ten z.B. nach PsychKG oder § 63 StGB ist selbst­ver­ständ­lich da­mit ab­so­lut un­ver­ein­bar, ja soll­te ge­ra­de­zu un­denk­bar wer­den.

Über­zeu­gend ist, im­mer wie­der an­zu­bie­ten, dass der Pa­ti­ent auch „Nein“ sa­gen und je­der­zeit ge­hen kann und wenn even­tu­ell an­de­re, am­bu­lan­te Hilfs­mög­lich­kei­ten ver­mit­telt wer­den.

Da die Ge­schich­te der Psych­ia­trie die Ge­schich­te grau­sa­mer Ge­walt­aus­übung und bru­tals­ter Men­schen­rechts­ver­let­zun­gen ist, kann nur in ei­nem lang­an­dau­ern­den und un­um­kehr­ba­ren Pro­zess ab­so­lu­ter Ge­walt­frei­heit über­haupt noch Ver­trau­en ge­gen­über psych­ia­tri­schen Fach­ärz­ten ent­ste­hen. Die Al­ter­na­ti­ve ist der völ­li­ge Un­ter­gang die­ser Dis­zi­plin.


[88] Wenn dar­über hin­aus ein Pa­ti­ent be­harr­lich schweigt, müss­ten – ver­bo­te­ne – Fol­ter­mit­tel an­ge­wen­det wer­den, um den Pa­ti­en­ten zum Spre­chen zu brin­gen. Des­halb ist der bes­te Rat an Be­trof­fe­ne in so ei­ner Si­tua­ti­on, ei­ser­nes Schwei­gen ge­gen­über je­dem Psych­ia­ter.