Nina Hagen über die PatVerfü

Die­sen Text hat Ni­na Ha­gen für das Buch „Stadt­wir­te“ ge­schrie­ben.
Es kann kos­ten­los hier be­stellt wer­den.
Wir be­dan­ken uns ganz herz­lich bei der In­ha­be­rin der Co­py­rights, der „Ge­sell­schaft für in­te­gra­ti­ve Be­schäf­ti­gung“, die Her­aus­ge­be­rin des Bu­ches ist, und bei Ni­na Ha­gen für die freund­li­che Ge­neh­mi­gung, den Text hier ver­öf­fent­li­chen zu dür­fen.


Ni­na Ha­gen be­darf kaum ei­ner Vor­stel­lung, denn die Sän­ge­rin, Song­wri­te­rin und Schau­spie­le­rin ist ein Welt­star und nicht zu­letzt als „God­mo­ther of Punk“ be­kannt. Ne­ben ih­rem En­ga­ge­ment für Frie­den, Lie­be und So­li­da­ri­tät setzt sie sich als Für­spre­che­rin und Schirm­frau der Pat­Ver­fü ein, ei­ner In­itia­ti­ve ge­gen die Zwangs­psych­ia­trie und für ein selbst­be­stimm­tes Le­ben.

 

Seit frü­hes­ter Kind­heit wur­de ich von mei­nen El­tern zu ei­nem be­wusst und selbst­stän­dig den­ken­den Hu­ma­nis­ten er­zo­gen. Von mei­nem Va­ter Hans Ha­gen weiß ich, dass er und sei­ne Fa­mi­lie wäh­rend Na­zi-Dik­ta­tur, Ho­lo­caust und 2. Welt­krieg vie­le trau­ma­ti­sche Er­leb­nis­se durch­lei­den muss­ten. Er muss­te ver­kraf­ten, dass er sei­nem jü­di­schen Va­ter nicht mehr hel­fen konn­te. Mein Groß­va­ter Her­man Ha­gen wur­de von den Na­zis erst in ei­ne Psych­ia­trie und da­nach ins KZ ver­schleppt, er wur­de ge­fol­tert und er­mor­det. Spä­ter in­ter­nier­ten sie auch mei­nen Va­ter in ei­nem Zucht­haus, wo er schwerst miss­han­delt wur­de und mo­na­te­lang in zu­sam­men­ge­kau­er­tem Zu­stand in ein Loch ein­ge­sperrt und ge­fol­tert wur­de. Gott sei Dank wur­de die­ses fins­ters­te Ka­pi­tel un­se­rer Mensch­heits­ge­schich­te am 8. Mai 1945 be­en­det. Und ich kämp­fe, seit ich den­ken kann, für die Um­set­zung von Men­schen­recht und Men­schen­wür­de. In­zwi­schen bin ich nicht nur als Schau­spie­le­rin und Sän­ge­rin un­ter­wegs, son­dern auch als Schirm­frau meh­re­rer ge­mein­nüt­zi­ger Or­ga­ni­sa­tio­nen und Ver­ei­ne.

Als Schirm­frau der www.PatVerfü.de set­ze ich mich für die von den Ver­ein­ten Na­tio­nen stets ein­ge­for­der­ten Men­schen­rech­te ein und ver­su­che, so gut wie mög­lich, an­de­re Men­schen zu stär­ken und über un­se­re Rech­te zu spre­chen, zu sin­gen, zu in­for­mie­ren und zu dis­ku­tie­ren. Wenn ich mir et­was wün­schen dürf­te: Ich wünsch­te mir von gan­zem Her­zen ei­ne ge­walt­freie Psych­ia­trie in un­se­rem Land. Zum Bei­spiel so, wie sie im Kli­ni­kum Hei­den­heim in Ba­den Würt­tem­berg be­reits prak­ti­ziert wird. Ich den­ke, nur aus Un­wis­sen­heit ha­ben die­je­ni­gen Men­schen kei­ne Pat­Ver­fü, die jetzt in ei­ner Not­la­ge sind, die ge­gen ih­ren Wil­len zwangs­fi­xiert, und ih­rer ele­men­tars­ten Men­schen­rech­te und ih­rer Men­schen­wür­de be­raubt wer­den. Die Pat­Ver­fü ist für je­den Bür­ger und je­de Bür­ge­rin un­se­res Lan­des sehr wich­tig! Pat­Ver­fü si­chert die Selbst­be­stim­mung!

Frei­heit be­deu­tet min­des­tens, da­von frei zu sein, von An­de­ren zu ei­ner be­stimm­ten Ent­schei­dung ge­nö­tigt bzw. er­presst zu wer­den. Dass ei­ne Ent­schei­dung Kon­se­quen­zen hat, ist ei­ne Bin­se, aber dass man sie oh­ne Zwang ge­trof­fen hat, ist gleich­zei­tig die not­wen­di­ge Vor­aus­set­zung da­für, dass man de­ren Kon­se­quen­zen auch ver­ant­wor­tet. Ver­trä­ge soll­ten da­bei die Kon­se­quen­zen kal­ku­lier­bar ma­chen. Das ist zwar al­les ei­ne Selbst­ver­ständ­lich­keit, aber lei­der kön­nen bei uns Men­schen von Me­di­zi­nern als an­geb­lich „psy­chisch Kran­ke“ dis­kri­mi­niert und dann mit Hil­fe von Son­der­ge­set­zen ent­rech­tet wer­den. Sie kön­nen in den ge­schlos­se­nen bzw. halb­of­fe­nen Ab­tei­lun­gen von Psych­ia­tri­en ein­ge­sperrt wer­den - ja, müs­sen so­gar re­gel­mä­ßig ei­nen ge­walt­sa­men Ein­griff in den Kör­per durch psych­ia­tri­sche Zwangs­be­hand­lung er­dul­den. Statt vom Staat vor Frei­heits­be­rau­bung und Kör­per­ver­let­zung ge­schützt zu wer­den, wer­den die Grund- und Men­schen­rech­te von Staats we­gen von ei­nem Filz aus Ärz­ten, Ge­rich­ten und an­geb­li­chen „Be­treu­ern“ sys­te­ma­tisch ver­letzt. Das ist be­son­ders per­fi­de, weil als „geis­tes­krank“ ver­leum­de­te Men­schen die ers­ten wa­ren, die 1939 in Deutsch­land in Gas­kam­mern er­mor­det wur­den. Bis 1949, al­so auch dann, als die Na­zis die Ärz­te nicht mehr be­schütz­ten, wur­de wei­ter in den Psych­ia­tri­en ge­mor­det. Da­nach wur­de in der Zwangs­psych­ia­trie in Ost wie West wei­ter ein­ge­sperrt und ge­fol­tert, als wä­re das selbst­ver­ständ­lich, ob­wohl 1948 die Men­schen­rech­te für al­le Men­schen von den Ver­ein­ten Na­tio­nen be­schlos­sen wor­den wa­ren.

Wem Men­schen­rech­te ein An­lie­gen sind, der muss­te be­grü­ßen, dass am 1.9.2009 das Pa­ti­en­ten­ver­fü­gungs­ge­setz § 1901a BGB in Kraft trat. Es bie­tet die Mög­lich­keit ei­ner wirk­li­chen Al­ter­na­ti­ve zu die­sem Sys­tem psych­ia­tri­scher Ent­wür­di­gung.

Erst­mals wur­de es per Ge­setz - al­so rechts­wirk­sam! - mög­lich, ei­ne psych­ia­tri­sche Un­ter­su­chung und da­mit Dia­gno­se zu un­ter­sa­gen. Um so je­de psych­ia­tri­sche Ge­fan­gen­nah­me und Zwangs­be­hand­lung je­weils in­di­vi­du­ell für sich un­mög­lich zu ma­chen, muss das in ei­ner da­für spe­zi­ell for­mu­lier­ten Pa­ti­en­ten­ver­fü­gung, der Pat­Ver­fü®, schrift­lich un­ter­sagt wor­den sein. Vor­her hat­te auch das Schwei­gen beim Psych­ia­ter nichts ge­nutzt, denn ent­we­der wur­den al­te Ak­ten ein­fach nur ko­piert, al­so ein Abschreibe-„Gutachten“ ge­macht, oder Schwei­gen wur­de bei­spiels­wei­se als „sym­tom­schwa­che au­tis­ti­sche Psy­cho­se“ de­kla­riert, wie es der be­rühm­te „fal­sche“ Ober­arzt Gert Pos­tel aus den Krei­sen der Me­di­zi­ner be­kannt ge­macht hat. Man kann ihm glau­ben, wenn er sagt: „Die Psych­ia­trie ist ein Fach, das von Wort­akro­ba­tik lebt. Sie kön­nen mit­tels der psych­ia­tri­schen Spra­che je­de Dia­gno­se be­grün­den und je­weils auch das Ge­gen­teil und das Ge­gen­teil vom Ge­gen­teil – der Fan­ta­sie sind kei­ne Gren­zen ge­setzt.“ Und: „Wer die psych­ia­tri­sche Spra­che be­herrscht, der kann gren­zen­los je­den Schwach­sinn for­mu­lie­ren und ihn in das Ge­wand des Aka­de­mi­schen ste­cken“.

Ein Mus­ter­bei­spiel da­für ist, wie 1994 der Lei­ter der psych­ia­tri­schen Uni­ver­si­täts­kli­nik in Mün­chen, Prof. Hans-Jür­gen Möl­ler, bei dem be­kann­ten Tep­pich­kunst­händ­ler, Eber­hart Herr­mann, ei­ne psy­chi­sche Er­kran­kung mit „Selbst- und Fremd­ge­fähr­dung“ dia­gnos­ti­zier­te, oh­ne je mit Herr­mann selbst ge­spro­chen zu ha­ben. In sei­nem „fach­psych­ia­tri­schen At­test auf Un­ter­brin­gung in ei­nem psych­ia­tri­schen Kran­ken­haus“ wur­de be­haup­tet, ei­ne so­for­ti­ge Ein­wei­sung Herr­manns sei er­for­der­lich (sie­he OLG Mün­chen, Ur­teil vom 4. Fe­bru­ar 2010, Az. 1 U 4650/08).

Die Vor­aus­set­zun­gen für die Ver­ur­tei­lung von Prof. Hans-Jür­gen Möl­ler nach ei­nem 16 Jah­re wäh­ren­den Ver­fah­ren war, dass Herr­mann Wind von sei­ner ge­plan­ten Ge­fan­gen­nah­me be­kom­men hat­te, er ver­stand, in wel­cher Ge­fahr er war, und sich so­fort ins Aus­land ab­ge­setzt hat­te. Nur we­ni­ge dürf­ten au­ßer­dem so­wohl die fi­nan­zi­el­len Mit­tel wie die Aus­dau­er ha­ben, um so ei­nen 16 jäh­ri­gen Kampf um die Re­ha­bi­li­tie­rung von ei­ner psych­ia­tri­schen Ver­leum­dung zu füh­ren.

Weil psych­ia­tri­scher Dia­gnon­sens ei­ne will­kür­li­che Ver­leum­dung ist, des­halb muss sich die Psych­ia­trie im Ge­gen­satz zu al­len me­di­zi­ni­schen Dis­zi­pli­nen auch re­gel­mä­ßig mit Zwang und Ge­walt ih­rer Pa­ti­en­ten be­mäch­ti­gen. Nur so kön­nen die Op­fer zu der sog. „Krank­heits­ein­sicht“ ge­nö­tigt wer­den, so dass durch die­ses mit Druck oder mit di­rek­ter Ge­walt er­zwun­ge­ne Ge­ständ­nis dann das gan­ze Ver­fah­ren als ein an­geb­lich „Me­di­zi­ni­sches“ aus­ge­ge­ben wer­den kann. Wenn hin­ge­gen die Ge­nö­tig­ten zwar ver­si­chern, geis­tes­krank zu sein, die Ärz­te das aber nicht glau­ben wol­len, dann dia­gnos­ti­zie­ren sie die „vor­ge­täusch­te Krank­heits­ein­sicht“ als be­son­ders hart­nä­cki­ges „Krankheits“symtom und die Er­pres­sung geht wei­ter.

Aus man­geln­der „Krank­heits­ein­sicht“ ha­ben Ju­ris­ten in­zwi­schen die „krank­heits­be­ding­te Ein­wil­li­gungs­un­fä­hig­keit“ de­stil­liert, um sich da­mit ih­re Recht­fer­ti­gung von Zwang und Ge­walt zu Recht zu bie­gen. Da­bei kann prin­zi­pi­ell nie­mand, der die Exis­tenz ei­ner Krank­heit be­strei­tet, noch in de­ren Be­hand­lung ein­wil­li­gen. Egal, wel­che Zu­satz­be­din­gun­gen for­mu­liert wer­den mö­gen, je­der Le­ga­li­sie­rungs­ver­such die­ses Ge­ständ­nis­zwan­ges ver­stößt ge­gen das ab­so­lu­te Fol­ter­ver­bot!

In­zwi­schen müss­te ver­ständ­lich ge­wor­den sein, war­um die Fra­ge, ob es ei­ne „psy­chi­sche Krank­heit“ über­haupt gibt, oder ob die Be­haup­tung von de­ren Exis­tenz ein Ka­te­go­ri­en­feh­ler ist, weil mensch­li­ches Han­deln Grün­de hat und kei­ne bio­elek­tro­che­mi­sche Re­ak­ti­on ist, kein ne­ben­säch­li­cher Streit ist. Mag er ei­nem auch ideo­lo­gisch vor­kom­men, so sind aber die Son­der­ge­set­ze, die mit „Geis­tes­krank­heit“ ge­recht­fer­tigt wer­den sol­len, die schlimms­ten Stra­fen vor der To­des­stra­fe: die er­zwun­ge­ne psych­ia­tri­sche Be­hand­lung, vor al­lem mit be­wußt­s­eins­ver­än­dern­den Dro­gen und Elek­tro­schock. Da­für wird man ein­ge­sperrt und ge­fes­selt, die so­ge­nann­te „Fi­xie­rung“. Die ak­tu­el­len Ge­set­ze, mit de­nen der Ärz­te-Rich­ter-Filz die­se schwe­ren Miss­hand­lun­gen le­ga­li­sie­ren kann, sind:

  • 16 “öf­fent­lich-recht­li­che” Lan­des­ge­set­ze zur zwangs­wei­sen Un­ter­brin­gung und Zwangs­be­hand­lung, in den meis­ten Bun­des­län­dern die sog. “Psy­chisch Kran­ken Ge­set­ze” (PsychKG), in Bay­ern und im Saar­land “Un­ter­brin­gungs­ge­setz”.
  • Die „Be­treu­ung“ ge­nann­te Ent­mün­di­gung, § 1896 BGB ein zi­vil­recht­li­ches Bun­des­ge­setz, mit dem ein Ge­richt auch ge­gen de­ren er­klär­ten Wil­len den Be­trof­fe­nen ei­nen „Be­treu­er“ ge­nann­ten Vor­mund als recht­li­che Stell­ver­tre­tung auf­zwin­gen kann. Be­treu­er sind ins­be­son­de­re dann treue Büt­tel des Ge­richts, wenn sie die­ses Ge­schäft als Berufs“betreuer“ aus­üben, da ih­nen das Ge­richt die Auf­trä­ge ver­schafft. Durch „Be­treu­er“ ma­chen es sich die Ge­rich­te dann dau­er­haft leicht. De­ren An­trag ei­ner Zwangs­ein­wei­sung nach § 1906 brau­chen sie nur noch zu prü­fen, um ihn dann ab­zu­ni­cken. Seit dem 22.7.2017 ist in der BRD der neue, ver­schärf­te § 1906a in Kraft ge­tre­ten, so dass „Be­treu­te“ bei al­len Krank­hei­ten in al­len sta­tio­nä­ren Ab­tei­lun­gen ei­nes Kran­ken­hau­ses, auch mit Zwang und Ge­walt ge­gen den Wil­len be­han­delt wer­den kön­nen - wenn sie kei­ne Pat­Ver­fü ha­ben. Nie­mand soll­te sich so ei­nem Ri­si­ko aus­set­zen und auf ei­ne Pat­Ver­fü ver­zich­ten!
    In ei­nem Ent­mün­di­gungs­ver­fah­ren gibt es kei­ne Klä­ger und An­ge­klag­te, de­ren Ar­gu­men­te die Rich­ter fair ab­wä­gen (soll­ten), um zu ei­nem Ur­teil zu kom­men. Der Rich­ter ist in sol­chen Ver­fah­ren der Mäch­ti­ge und Geg­ner des Be­trof­fe­nen, da Rich­ter re­gel­mä­ßig nach Mög­lich­kei­ten su­chen, die Selbst­be­stim­mung der Be­trof­fe­nen zu miss­ach­ten. Des­halb emp­feh­len mei­ne Freun­de vom Wer­ner-Fuß-Zen­trum, die Pat­Ver­fü no­ta­ri­ell zu be­ur­kun­den. Je­der Rich­ter ach­tet dann ein sol­ches Do­ku­ment, weil es schon von ei­nem an­de­ren Ju­ris­ten be­glau­bigt wur­de. Wenn zu­sätz­lich ir­gend­ein Arzt zum Zeit­punkt der Be­ur­kun­dung Ge­schäfts­fä­hig­keit at­tes­tiert und die Pat­Ver­fü bei der Bun­des­no­tar­kam­mer re­gis­triert wur­de, dann ist die Pat­Ver­fü so­zu­sa­gen „bom­ben­si­cher“.
  • § 63 Straf­ge­setz­buch, Ein­wei­sung in ei­ne fo­ren­si­sche Psych­ia­trie (Maß­re­gel­voll­zug), ein so­ge­nann­tes „Son­der­op­fer“, das die Na­zis am 24.11.1933 ein­führ­ten, um psych­ia­trisch Ver­leum­de­te nach ei­ner Straf­tat als ge­fähr­lich geis­tes­krank auf un­be­stimm­te Zeit weg­sper­ren und zwangs­be­han­deln las­sen zu kön­nen. Wie­der­um ist die Un­ter­su­chung und Dia­gno­se das zen­tra­le Ele­ment, um mit Hil­fe der ent­spre­chen­den psych­ia­tri­schen Gut­ach­ten die­se will­kür­li­che Ge­fan­gen­nah­me mit fol­ter­ar­ti­ger Kör­per­ver­let­zung zu recht­fer­ti­gen. Re­gel­mä­ßig wer­den „63er“ da­bei um ein Viel­fa­ches län­ger ein­ge­sperrt, als für die­sel­ben Ver­ge­hen im Straf­voll­zug. Das geht ganz ein­fach durch ei­ne an sich il­le­ga­le Be­weis­last­um­kehr, weil der Ge­fan­ge­ne in ei­ner Fo­ren­sik zu sei­ner Frei­las­sung für ei­ne Pro­gno­se „Un­ge­fähr­lich­keit“ be­wei­sen muss, was schlicht un­mög­lich ist, son­dern nur auf ärzt­li­che As­tro­lo­gie hin­aus­läuft. Dass die Pat­Ver­fü in ei­nem Straf­ver­fah­ren ge­gen ei­ne Zwangs­un­ter­su­chung we­gen § 63 schützt, ist noch nicht end­gül­tig be­wie­sen, aber ei­ne gu­te Grund­la­ge, um ei­ne sol­che zu be­strei­ten, ist da­mit auf al­le Fäl­le ge­legt. Ein Kar­tell von An­wäl­ten ge­gen § 63 steht für ei­ne ent­spre­chen­de Ver­tei­di­gung be­reit. Wich­tig: NIE frei­wil­lig bei so ei­ner psych­ia­tri­schen Un­ter­su­chung mit­ma­chen, nie ver­su­chen, sich zu recht­fer­ti­gen, son­dern im­mer ei­sern schwei­gen. Der ver­tei­di­gen­de An­walt kann dann mit der Pat­Ver­fü ar­gu­men­tie­ren, um das Schlimms­te, den § 63, zu ver­hin­dern.

Die Ge­nann­ten sind al­le­samt Son­der­ge­set­ze. Ab­wei­chend von den Ge­set­zen, die für al­le er­wach­se­nen Bür­ger gel­ten, sind sie ei­ne Son­der­ge­setz­ge­bung zur be­son­de­ren Ent­rech­tung von an­geb­lich oder tat­säch­lich „psy­chisch krank“ Dia­gnos­ti­zier­ten. Al­le ha­ben als not­wen­di­ge Be­din­gung für de­ren An­wen­dung das Gut­ach­ten ei­nes Psych­ia­ters. Um das zu un­ter­bin­den, nutzt die Pat­Ver­fü als ein­zi­ge Pa­ti­en­ten­ver­fü­gung spe­zi­ell die­sen Teil des Pa­ti­en­ten­ver­fü­gungs­ge­set­zes § 1901a BGB, ers­ter Ab­satz:

Hat ein ein­wil­li­gungs­fä­hi­ger Voll­jäh­ri­ger für den Fall sei­ner Ein­wil­li­gungs­un­fä­hig­keit schrift­lich fest­ge­legt, ob er in be­stimm­te, zum Zeit­punkt der Fest­le­gung noch nicht un­mit­tel­bar be­vor­ste­hen­de Un­ter­su­chun­gen sei­nes Ge­sund­heits­zu­stands, Heil­be­hand­lun­gen oder ärzt­li­che Ein­grif­fe ein­wil­ligt oder sie un­ter­sagt (Pa­ti­en­ten­ver­fü­gung), prüft der Be­treu­er, ob die­se Fest­le­gun­gen auf die ak­tu­el­le Le­bens- und Be­hand­lungs­si­tua­ti­on zu­tref­fen. Ist dies der Fall, hat der Be­treu­er dem Wil­len des Be­treu­ten Aus­druck und Gel­tung zu ver­schaf­fen.“

Jen­seits der Kon­tro­ver­se, ob es psy­chi­sche Krank­heit über­haupt gibt, hat der Ge­setz­ge­ber ein­ge­räumt, dass je­de Un­ter­su­chung und Dia­gno­se ei­ner tat­säch­li­chen oder ver­meint­li­chen psy­chi­schen Krank­heit al­so durch ei­ne (in der Re­gel schrift­li­che) Pa­ti­en­ten­ver­fü­gung ge­mäß § 1901a recht­wirk­sam un­ter­sagt wer­den kann. In der Pat­Ver­fü ist au­ßer­dem ei­ne Vor­sor­ge­voll­macht vor­ge­se­hen, mit der man Vor­sor­ge­be­voll­mäch­tig­te be­nennt. Da­mit wird dem Rich­ter die Mög­lich­keit ge­nom­men, noch ei­ne Be­treu­ung auf­zu­zwin­gen, da ei­ne Vor­sor­ge­voll­macht prin­zi­pi­ell vor­ran­gig zu ei­ner „Be­treu­ung“ ist.  Dass durch die Pat­Ver­fü der Be­gut­ach­tung zur ärzt­li­chen Zu­schrei­bung ei­ner Geis­tes­krank­heit so­wie­so ein Rie­gel vor­ge­scho­ben ist, wird den Rich­ter in sei­nem An­sin­nen, ei­nen Men­schen zu ent­mün­di­gen, zu­sätz­lich ent­mu­ti­gen. Au­ßer­dem hat man in Vor­sor­ge­be­voll­mäch­tig­ten ei­ne oder so­gar meh­re­re Per­so­nen, die ei­nen in der Ver­wei­ge­rung von psych­ia­tri­scher Un­ter­su­chung und Be­hand­lung un­ter­stüt­zen und der For­de­rung nö­ti­gen­falls zu­sätz­li­chen Nach­druck ver­lei­hen kön­nen.

Die­se Mög­lich­kei­ten des Pa­ti­en­ten­ver­fü­gungs­ge­set­zes zu nut­zen, ist das Al­lein­stel­lungs­merk­mal der Pat­Ver­fü im Un­ter­schied zu prak­tisch al­len an­de­ren Pa­ti­en­ten­ver­fü­gun­gen. Da­mit ist sie das Mit­tel der Wahl, um Zwangs­be­hand­lun­gen usw. zu un­ter­bin­den, da sie das Ein­gangs­tor al­ler wei­te­ren Zwangs­maß­nah­men ver­rie­gelt. Oh­ne Dia­gno­se kei­ne Geis­tes­krank­heit und oh­ne Geis­tes­krank­heit kann kei­nes der oben er­wähn­ten Son­der-Ent­rech­tungs­ge­set­ze zur An­wen­dung ge­bracht wer­den.

Gleich­zei­tig be­weist die Mög­lich­keit ei­ne Pat­Ver­fü zu ma­chen, dass es ei­ne per­sön­li­che Ent­schei­dung ist, ob man über­haupt geis­tes­krank wer­den kann, weil Me­di­zi­ner nur bei nicht durch Pat­Ver­fü ge­schütz­ten Per­so­nen ei­ne sol­che Krank­heit fest­stel­len dür­fen, al­so auch nur un­ter die­ser Be­din­gung Geis­tes­krank­heit fest­stel­len kön­nen. Des­halb ist die Pat­Ver­fü die Speer­spit­ze der Selbst­be­stim­mung auch in schwie­ri­ger La­ge. Sie si­chert ei­nem Er­wach­se­nen das Recht, wirk­sam Nein sa­gen zu kön­nen.

Zwei mög­li­che Miss­ver­ständ­nis­se möch­te ich vor­beu­gend aus der Welt schaf­fen:

  • Wer be­strei­tet, dass es psy­chi­sche Krank­hei­ten gibt, be­strei­tet nicht, dass es auf­fäl­li­ges Ver­hal­ten und An­de­re stö­ren­de Ge­dan­ken und Ge­füh­le gibt. Be­strit­ten wird nur, dass es sich da­bei um ei­ne Krank­heit han­delt und ärzt­li­che Heil­kunst zu Ra­te zu zie­hen sei. Da der Recht­staat je­den mög­li­chen Win­kel des Ver­hal­tens, das die Rech­te, das Ei­gen­tum oder den Kör­per An­de­rer ver­letzt oder ge­fähr­det, auch oh­ne die Son­de­rent­rech­tungs-Kon­struk­ti­on von „psy­chi­scher Krank­heit“ sank­tio­nie­ren kann, gibt es kei­ne Lü­cken im Recht, die die­se viel weit­ge­hen­de­re und will­kür­li­che Ent­rech­tung und Ent­wür­di­gung in der Psych­ia­trie recht­fer­ti­gen könn­te.
    Durch die Zwangs­psych­ia­trie bie­tet die Me­di­zin der staat­li­chen Ge­walt nur ei­nen zu­sätz­li­chen Be­stra­fungs­ap­pa­rat zum Bre­chen des Wil­lens, der Über­wa­chung, Nö­ti­gung, Ein­schüch­te­rung, Be­dro­hung und Ver­ängs­ti­gung er­wach­sen­der Bür­ger an - ei­ne Art Ge­dan­ken­po­li­zei.
  • Wer meint, ein Psych­ia­trie­auf­ent­halt sei für sich gut, soll ihn selbst­ver­ständ­lich wie ein Kun­de auf frei­wil­li­ger und ver­trag­li­cher Ba­sis in An­spruch neh­men kön­nen. Ob das Teil der Leis­tun­gen ei­ner Kran­ken­ver­si­che­rung sein muss, sei mal da­hin­ge­stellt.
    Es soll auch un­be­nom­men blei­ben, sich da­für zu ent­schei­den, als „psy­chisch krank“ dia­gnos­ti­ziert wer­den zu kön­nen – Geis­tes­krank? Ih­re ei­ge­ne Ent­schei­dung!
    Je­weils für sich selbst soll man durch ei­ne ent­spre­chen­de Pa­ti­en­ten­ver­fü­gung im Vor­aus auch psych­ia­tri­schen Zwangs­maß­nah­men zu­stim­men kön­nen – zwar wür­de ich da­von ab­ra­ten, aber es muss so wie ma­so­chis­ti­sche Se­xu­al­prak­ti­ken er­laubt sein, wenn ei­nes Ta­ges die psych­ia­tri­schen Son­der­ge­set­ze ab­ge­schafft sein wer­den und wir ei­ne ge­walt­freie Psych­ia­trie ha­ben.