Vortrag von RA Thomas Saschenbrecker

Vor­trag an der Frei­en Uni­ver­si­tät Ber­lin am 16.11.00 und am Schau­spiel­haus Han­no­ver am 25.11.00
Das Mo­dell der Pri­vat­au­to­no­mie der Vor­sor­ge­voll­macht als Al­ter­na­ti­ve zum gel­ten­den Be­treu­ungs­recht
von Tho­mas Sa­schen­bre­cker, Rechts­an­walt

Mei­ne Da­men und Her­ren,

mit mei­nem heu­ti­gen Vor­trag möch­te ich Ih­nen als al­ter­na­ti­ves Mo­dell zum gel­ten­den Be­treu­ungs­recht, bei dem die staat­li­che Für­sor­ge­pflicht für den Be­treu­ten im Vor­der­grund steht, die recht­li­che Mög­lich­keit der pri­vat­au­to­no­men Ge­stal­tung von Für­sor­ge für den Fall gänz­li­cher oder par­ti­el­ler per­sön­li­cher Hilf­lo­sig­keit vor­stel­len.

Wei­ter­hin ein­ge­hen möch­te ich auf den be­son­de­ren Fall, daß jed­we­de psych­ia­tri­sche Be­hand­lung ge­gen den Wil­len be­reits im Vor­feld bei Er­rich­tung ei­ner Vor­sor­ge­voll­macht ab­ge­lehnt wird.

Ei­ne ge­setz­li­che Be­treu­ung wird nach §1896 Abs. 1 BGB dann ein­ge­rich­tet, wenn das ört­lich und sach­lich zu­stän­di­ge Vor­mund­schafts­ge­richt nach Ein­ho­lung ei­nes me­di­zi­ni­schen Sach­ver­stän­di­gen­gut­ach­tens zu dem Er­geb­nis ge­langt, daß par­ti­el­le bzw. voll­stän­di­ge per­sön­li­che Hilf­lo­sig­keit bei dem Be­trof­fe­nen vor­liegt. Par­ti­ell des­halb, weil es mit In­kraft­tre­ten des neu­en Be­treu­ungs­rech­tes An­fang der 90-er Jah­re kei­ne all­um­fas­sen­de und ge­ne­rel­le Vor­mund­schaft mehr gibt, son­dern nur noch ei­ne auf Auf­ga­ben­krei­se wie Ver­mö­gens­sor­ge, Ge­sund­heits­sor­ge, Auf­ent­halts­be­stim­mung oder Un­ter­brin­gung in ei­ner ge­schlos­se­nen Ein­rich­tung be­schränk­te Be­treu­ung gibt. Da­ne­ben be­steht die Mög­lich­keit, für wei­te­re Auf­ga­ben­be­rei­che - bei­spiels­wei­se Um­gang mit Be­hör­den, Wahr­neh­mung von Rech­ten in Ge­richts­pro­zes­sen oder Re­ge­lung der Mit- und Wohn­an­ge­le­gen­hei­ten ei­ne Be­treu­ung ein­zu­rich­ten.

Aus der an­walt­li­chen Pra­xis ist zu be­rich­ten, daß die Qua­li­fi­ka­ti­on der vor­mund­schafts­ge­richt­lich be­stell­ten Be­treu­ungs­per­son stark dif­fe­riert, man fin­det un­ter Be­rufs­be­treu­ern So­zi­al­ar­bei­ter, qua­li­fi­zier­tes Pfle­ge­per­so­nal und Rechts­an­wäl­te, aber auch vor­ma­li­ge Ge­braucht­wa­gen­ver­käu­fer und Im­mo­bi­li­en­mak­ler. Ne­ben ei­ner in­so­weit neu­tra­len Per­son kann auch vor­ran­gig ein eh­ren­amt­li­cher Be­treu­er, et­wa ein An­ge­hö­ri­ger, zum Be­treu­er ein­ge­setzt wer­den.

Die Ein­rich­tung ei­ner Be­treu­ung wird von den Be­trof­fe­nen un­ter­schied­lich auf­ge­nom­men. Teils wird die staat­li­che Für­sor­ge­per­son als ech­te Hil­fe auf­ge­faßt, zu der der Be­treu­te Ver­trau­en faßt und mit der per­sön­li­che An­ge­le­gen­hei­ten ge­mein­sam ge­löst wer­den . Nicht sel­ten aber wird ei­ne Be­treu­er­be­stel­lung als läs­ti­ge und un­an­ge­neh­me Ein­mi­schung in per­sön­li­che An­ge­le­gen­hei­ten emp­fun­den. Der äl­te­re Be­trof­fe­ne, oft noch nie zu­vor mit ge­richt­li­chen Ver­fah­ren in Be­rüh­rung ge­kom­men, muß zu­las­sen, daß sich ei­ne un­be­kann­te Per­son um sei­ne Be­lan­ge küm­mert und lehnt dies als Be­gren­zung des ei­ge­nen Wil­lens ab. Jun­ge und jün­ge­re Be­treu­te se­hen sich in ih­rer Le­bens­qua­li­tät be­ein­träch­tigt, weil sie sich nach Ein­rich­tung ei­ner Be­treu­ung nicht mehr als voll­wer­ti­ger Mensch füh­len oder gar aus Furcht vor ih­rem Be­treu­er un­er­kannt in ei­ne frem­de Stadt flie­hen möch­ten. Hin­zu kommt die so­zia­le Des­in­te­gra­ti­on, das so­zia­le Um­feld re­gis­triert den ge­richt­lich be­stell­ten Be­treu­er und di­stan­ziert sich von dem ver­meint­lich „psy­chisch Kran­ken“. Der Be­treu­te ver­einsamt so teil­wei­se als un­be­ab­sich­tig­te Fol­ge der Be­stel­lung ei­nes un­ge­eig­ne­ten Be­treu­ers, der bei­spiels­wei­se die Nach­bar­schaft und den Freun­des­kreis ge­gen den ver­meint­lich „psy­chisch Kran­ken“ durch in­ad­äqua­te Auf­trit­te am Wohn­ort des Be­treu­ten oder in Ge­spräch mit Be­kann­ten des Be­treu­ten sen­si­bi­li­siert. Ei­ne Be­treu­er­be­stel­lung „zum Woh­le des Be­trof­fe­nen“ ist so­mit auch aus ob­jek­ti­ver Sicht nicht zwangs­läu­fig ge­eig­net, dem Be­treu­ten wirk­li­che Hil­fe zu­kom­men zu las­sen.

Seit dem 1.1.1999 hat der Ge­setz­ge­ber dem ge­gen­über kon­se­quent und um­fas­send die Mög­lich­keit er­öff­net, durch Er­rich­ten ei­ner Vor­sor­ge­voll­macht Be­treu­ung ins­ge­samt funk­tio­nell zu er­set­zen.
Der Ge­setz­ge­ber läßt erst­mals voll­um­fäng­lich ein zwei­spu­ri­ges Sys­tem bei der Or­ga­ni­sa­ti­on von Für­sor­ge zu und stellt in § 1896 Abs. 2 BGB dem staat­li­chen In­sti­tut der Be­treu­ung das pri­vat­au­to­no­me Rechts­in­sti­tut der Vor­sor­ge­voll­macht ge­gen­über. Mög­li­chem Für­sor­ge­be­darf kann durch Be­voll­mäch­ti­gung ei­ner Ver­trau­ens­per­son Rech­nung ge­tra­gen wer­den, ei­ne Be­treu­er­be­stel­lung wird dann grund­sätz­lich über­flüs­sig. An­ders als die Be­treu­ungs­ver­fü­gung, die zur Vor­ga­be im Hin­blick auf die Aus­wahl der Be­treu­er­per­son dient und die Be­hand­lungs­ver­ein­ba­rung, die als in­di­vi­du­el­ler zi­vil­recht­li­cher Arzt-Pa­ti­en­ten-Ver­trag zu wer­ten ist, ist die Vor­sor­ge­voll­macht ei­ne auf Selbst­be­stim­mung ba­sie­ren­de ge­ne­rel­le - pri­vat­au­to­no­me - Be­voll­mäch­ti­gung ei­ner Ver­trau­ens­per­son. Die Vor­sor­ge­voll­macht ist kei­ne Pa­ti­en­ten­ver­fü­gung , in der der Wil­le des Er­rich­ten­den im Hin­blick auf spä­te­re ärzt­li­che Be­hand­lung und mög­li­che Ent­schei­dun­gen ethi­scher Fra­gen fest­ge­legt wird, ei­ne Vor­sor­ge­voll­macht kann aber auf ei­ne sol­che Pa­ti­en­ten­ver­fü­gung Be­zug neh­men, um Vor­ga­ben für mög­li­che Ent­schei­dun­gen des Be­voll­mäch­tig­ten fest­zu­le­gen. In ei­ner Vor­sor­ge­voll­macht nimmt nur der Be­voll­mäch­tig­te Für­sor­ge­pflich­ten des Voll­macht­ge­bers wahr, der re­gel­mä­ßig oh­ne Vor­mund­schafts­ge­richt sei­ne Tä­tig­keit aus­übt.

Wirk­sam­keit und Zweck­mä­ßig­keit der Er­rich­tung ei­ner Vor­sor­ge­voll­macht un­ter­lie­gen der­zeit ei­ner Dis­kus­si­on, an der ich mich nicht be­tei­li­gen möch­te, zu­mal der ge­setz­ge­be­ri­sche Wil­le in ein­deu­ti­gen Rechts­grund­la­gen ih­ren Nie­der­schlag ge­fun­den hat:
Der Ge­setz­ge­ber hat klar und ein­deu­tig in den §§ 1904 Abs. 2, 1906 Abs. 5 BGB Rechts­grund­la­gen für die Vor­sor­ge­voll­macht ge­schaf­fen, § 1908f BGB macht die An­er­ken­nung als Be­treu­ungs­ver­ein so­gar von der plan­mä­ßi­gen Be­ra­tung über Vor­sor­ge­voll­mach­ten ab­hän­gig.
Wer sich de­tail­liert in­for­mie­ren will, sei auf den Auf­satz von Frau Prof. Dr. Wal­ter Das Rechts­in­sti­tut der Vor­sor­ge­voll­macht in Fam. RZ 1999, S. 685 ff. ver­wie­sen.

For­mell ist die Vor­sor­ge­voll­macht an kei­ne be­stimm­te Form ge­bun­den, sie kann so­gar münd­lich (an­zu­ra­ten wä­re dann un­ter Zeu­gen) er­teilt wer­den. Hier von be­stehen zwei in der Pra­xis be­deut­sa­me Aus­nah­men:

1. Schrift­form ist bei der Ein­rich­tung der Vor­sor­ge­voll­macht dann not­wen­dig, wenn der Be­voll­mäch­tig­te auch über ärzt­li­che Be­hand­lung und Ein­grif­fe ent­schie­den soll oder es um ei­ne Be­voll­mäch­ti­gung für Ein­grif­fe in höchst­per­sön­li­che Recht­gü­ter wie frei­heits­ent­zie­hen­de Maß­nah­men durch Un­ter­brin­gung in ei­ne ge­schlos­se­ne Ein­rich­tung oder frei­heits­be­schrän­ken­de Maß­nah­men wie Fi­xie­ren, Me­di­ka­men­ten­ga­ben oder An­brin­gen von Bett­git­tern geht.

2. Die Ein­ho­lung ei­ner no­ta­ri­el­len Be­ra­tung ist zwin­gend, wenn dem Be­voll­mäch­tig­ten auch die Mög­lich­keit ein­ge­räumt wer­den soll, über den Im­mo­bi­li­en­be­sitz des Voll­macht­ge­bers zu ver­fü­gen.

Die Vor­sor­ge­voll­macht kann nun mehr für al­le Auf­ga­ben­be­rei­che des Be­treu­ungs­rechts al­so
· die Ver­mö­gens­sor­ge
· die Ge­sund­heits­sor­ge und
· das Auf­ent­halts­be­stim­mungs­recht
er­teilt wer­den.

Völ­lig neu und bahn­bre­chend ist, daß der Ge­setz­ge­ber seit 1999 auch die ge­will­kür­te Stell­ver­tre­tung auf dem Be­reich der Re­ge­lung höchst­per­sön­li­cher An­ge­le­gen­hei­ten zu­läßt. Die ent­spre­chend be­voll­mäch­tig­te Ver­trau­ens­per­son darf auch über frei­heits­be­schrän­ken­de, frei­heits­ent­zie­hen­de Maß­nah­men, ja so­gar über ärzt­li­che Heil­be­hand­lung oder Ein­grif­fe ent­schie­den. Vor­aus­set­zung nach Ge­set­zes­la­ge ist le­dig­lich, daß je­weils schrift­lich aus­drück­lich zu je­der der ge­nann­ten Re­ge­lungs­be­rei­che be­voll­mäch­tigt wur­de.
Wel­che Maß­stä­be ei­ner sol­chen even­tu­el­len Ent­schei­dung der Ver­trau­ens­per­son zu­grun­de­zu­le­gen sind, kann im In­nen­ver­hält­nis durch ei­ne Ver­fü­gung, ei­nem Ver­trag zwi­schen Be­voll­mäch­tig­ten und Voll­macht­ge­ber fest­ge­legt wer­den.
Der so do­ku­men­tier­te Wil­le, mag er auch ob­jek­tiv un­ver­nünf­tig er­schei­nen, ist für den Be­voll­mäch­tig­ten und Drit­te bin­dend.
Ei­ne sol­che mög­li­che Macht­fül­le for­dert zwangs­läu­fig Kon­trol­le, um zu ge­währ­leis­ten, daß der Be­voll­mäch­tig­te sei­ne Rechts­po­si­ti­on nicht zum Nach­teil des Voll­macht­ge­bers miß­braucht.

Der Ge­setz­ge­ber sieht hier­zu 2 Kon­troll­in­stru­men­te vor:
1. Will der Be­voll­mäch­tig­te un­ter­brin­gen oder die Frei­heit des Voll­macht­ge­bers be­schrän­ken, be­nö­tig­te er vor­mund­schafts­ge­richt­lich ei­ne Ge­neh­mi­gung.
2. Das Vor­mund­schafts­ge­richt kann nach § 1896 Abs. 3 BGB ei­nen wei­te­ren Kon­troll­be­treu­er be­stel­len, wenn es Zwei­fel an der in­ter­es­sen­ge­rech­ten Aus­übung der Vor­sor­ge­voll­macht hat. Auf­ga­ben­be­reich des Be­treu­ers nach § 1846 Abs. 3 BGB ist dann die Wahr­neh­mung der Rech­te des Voll­macht­ge­bers ge­gen­über sei­nem Be­voll­mäch­tig­ten.

Soll auch der mög­li­che Über­wa­chungs­be­voll­mäch­tig­te im Vor­feld fest­ge­legt wer­den, kann be­reits in der Vor­sor­ge­voll­macht ein Kon­troll­be­voll­mäch­tig­ter, häu­fig zu emp­feh­len ein Rechts­an­walt, be­nannt wer­den, der ge­ge­be­nen­falls dem Be­voll­mäch­tig­ten Wei­sun­gen er­tei­len kann, um den In­ter­es­sen und dem Wohl des Voll­macht­ge­bers Aus­druck zu ver­lei­hen.
Im Au­ßen­ver­hält­nis hat des Mo­dell der „Dop­pel­be­voll­mäch­ti­gung“ - Kon­troll­be­voll­mäch­tig­ter und Be­voll­mäch­tig­ter - den Ef­fekt ei­ner na­he­zu au­to­no­men Stel­lung ge­gen­über vor­mund­schafts­ge­richt­li­chen Ent­schei­dun­gen, die in die Rech­te des Be­trof­fe­nen ein­grei­fen.

Die Pra­xis der Vor­mund­schafts­ge­rich­te er­kennt nach an­fäng­li­chem Zö­gern das Rechts­in­sti­tut der Vor­sor­ge­voll­macht in­zwi­schen un­ein­ge­schränkt an, sie stel­len al­ler­dings an die Aus­führ­lich­keit ei­ner sol­chen Voll­mach­ter­tei­lung ho­he An­for­de­run­gen. So reicht ei­ne pau­scha­le Ge­ne­ral­voll­macht in Ver­mö­gens- oder Ge­sund­heits­an­ge­le­gen­hei­ten kei­nes­falls aus. Je­de das Selbst­be­stim­mungs­recht ein­schrän­ken­de Voll­macht muß ge­nau den Ge­gen­stand der Be­schrän­kung, et­wa frei­heits­ent­zie­hend oder frei­heits­be­schrän­kend, so­gar ge­ge­be­nen­falls die Zu­stim­mung zur Er­pro­bung nicht zu­ge­las­se­ner Heil­ver­fah­ren, be­zeich­nen.

Die Vor­sor­ge­voll­macht, ur­sprüng­lich bei den Vor­mund­schafts­ge­rich­ten als Al­ters­vor­sor­ge­voll­macht be­kannt, er­fährt zu­neh­mend In­ter­es­se auch jün­ge­rer Per­so­nen­krei­se, die pri­va­te Für­sor­ge dem staat­lich or­ga­ni­sier­ten Hilfs­an­ge­bot vor­zie­hen. Es gilt al­ler­dings zu be­ach­ten, daß das mög­li­che Kos­ten­ri­si­ko ei­ner Vor­sor­ge­voll­macht al­lei­ne bei dem Be­voll­mäch­tig­ten liegt, die Staats­kas­se kommt, an­ders als im Be­treu­ungs­recht, auch bei Be­dürf­tig­keit des Voll­macht­ge­bers für die Kos­ten der Für­sor­ge nicht auf.

Die ent­spre­chen­de Kri­tik der Be­rufs­be­treu­er­ver­bän­de an der Vor­sor­ge­voll­macht ver­wun­dert vor die­sem Hin­ter­grund nicht. Das Ri­si­ko, die Auf­wen­dungs­kos­ten der Für­sor­ge bei­trei­ben zu kön­nen, liegt al­lei­ne beim Be­voll­mäch­tig­ten.

Zu­sam­men­fas­send läßt sich fest­stel­len, daß ei­ne an den ge­setz­li­chen Re­ge­lun­gen ori­en­tier­te Vor­sor­ge­voll­macht ge­ne­rell vol­le Rechts­gül­tig­keit hat. Der Vor­rang pri­va­ter Für­sor­ge ist vom Ge­setz­ge­ber aus­drück­lich ge­wollt und wird durch die ge­setz­li­chen Vor­schrif­ten ge­för­dert.

Nach § 68 Abs. 1 Satz 3 soll das Vor­mund­schafts­ge­richt aus­drück­lich auf Mög­lich­kei­ten der Vor­sor­ge­voll­macht hin­wei­sen, § 119 Abs. 6 Be­treu­ungs­be­hör­den­ge­setz ver­pflich­tet Be­treu­ungs­be­hör­den zur Be­ra­tung über die Mög­lich­kei­ten der Vor­sor­ge­voll­macht.

Ins­ge­samt wird man sich der Mög­lich­keit der pri­vat­au­to­no­men Ge­stal­tung von Für­sor­ge auf Dau­er kaum ver­schlie­ßen kön­nen, die Vor­sor­ge­voll­macht ist ein voll wirk­sa­mes, ge­setz­lich an­er­kann­tes Rechts­in­sti­tut. Der Ge­setz­ge­ber er­kennt seit dem 1.1.1999 aus­drück­lich auch ei­ne Voll­mach­ter­tei­lung für höchst­per­sön­li­che An­ge­le­gen­hei­ten, wie ärzt­li­che Ein­grif­fe und Ge­neh­mi­gung frei­heits­be­schrän­ken­der bzw. frei­heits­ent­zie­hen­der Maß­nah­men an. Der Grenz­be­reich zwi­schen Me­di­zin und Recht wird da­mit zu­guns­ten des Selbst­be­stim­mungs­rechts des Pa­ti­en­ten auch für den Fall sei­ner vor­über­ge­hen­den Ein­wil­li­gungs­un­fä­hig­keit neu de­fi­niert.

In Kon­se­quenz aus der ge­än­der­ten Ge­set­zes­la­ge wird auch ei­ne Vor­sor­ge­voll­macht voll­stän­di­ge Rechts­gül­tig­keit ha­ben, die jed­we­de psych­ia­tri­sche Zwangs­be­hand­lung ab­lehnt.
Die Recht­spre­chung des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt hat bis­her an­er­kannt, daß ein me­di­zi­nisch in­di­zier­ter Ein­griff oder ei­ne me­di­zi­nisch in­di­zier­te Heil­be­hand­lung nicht ge­gen den er­klär­ten Wil­len des Pa­ti­en­ten durch­ge­führt wer­den darf, nur des­sen Ge­neh­mi­gung recht­fer­tigt ärzt­li­ches Han­deln. Jed­we­der auch un­ver­nünf­ti­ger Pa­ti­en­ten­wil­le ist vor­be­halt­los zu ak­zep­tie­ren: An ei­nem tu­mor­kran­ken Pa­ti­en­ten mit gu­ter Pro­gno­se darf kein Ein­griff vor­ge­nom­men wer­den, wenn die­ser sich nicht zu ei­nem an sich ge­bo­te­nem Ein­griff ent­schlie­ßen kann. Ärzt­li­che Vor­ga­ben kön­nen ge­ne­rell nicht er­zwun­gen wer­den, auch dann nicht, wenn sich der Pa­ti­ent nicht un­er­heb­lich durch sein ob­jek­tiv selbst­schä­di­gen­des Ver­hal­ten ge­fähr­det.

An­de­res galt bis­her un­be­schränkt in dem Be­reich Recht und psych­ia­tri­sche Be­hand­lung. Bei An­nah­me ei­ner er­heb­li­chen Ei­gen- oder Fremd­ge­fähr­dung und Dia­gno­se­stel­lung ei­ner wil­lens­be­ein­träch­ti­gen­den psych­ia­tri­schen Er­kran­kung ist nach § 1906 BGB oder den Vor­schrif­ten der Psych KG’s bzw. UBG’s der Län­der auch ei­ne Heil­be­hand­lung un­ter freiheitsentziehenden/freiheitsbeschränkenden Maß­nah­men ge­gen den Wil­len des Pa­ti­en­ten mög­lich und kann nach der Recht­spre­chung des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­rich­tes im Rah­men staat­li­cher Für­sor­ge auch er­zwun­gen wer­den. Der „psy­chisch Kran­ke“ gilt in der Öf­fent­lich­keit nicht sel­ten be­reits auf­grund der Dia­gno­se­stel­lung als für sich und an­de­re ge­fähr­dend, er muß an­geb­lich vor sich selbst und ins­be­son­de­re auch der All­ge­mein­heit durch Zwangs­maß­nah­men und Heil­be­hand­lung ge­schützt wer­den.

Mehr und mehr je­doch er­kennt die höchst­rich­ter­li­che Recht­spre­chung vor dem Hin­ter­grund der Frei­heits­rech­te das „Recht auf Krank­heit“ auch bei psych­ia­tri­scher Dia­gno­se­stel­lung an. Ex­pli­zit in ei­nem all­ge­mein be­kann­ten Ur­teil aus dem Jah­re 1998 ver­wei­gert das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt die ver­fas­sungs­recht­li­che Le­gi­ti­ma­ti­on ei­ner so­for­ti­gen Un­ter­brin­gungs­ge­neh­mi­gung in We­ge der einst­wei­li­gen An­ord­nung bei ei­nem Be­trof­fe­nen, der sich nicht krank­heits­ein­sich­tig zeigt und sich trotz me­di­zi­nisch-psych­ia­tri­scher Dia­gno­se­stel­lung und trotz In­di­ka­ti­on ei­ner Heil­be­hand­lung mit Neu­ro­lep­ti­ka ei­ner sol­chen Be­hand­lung ver­wei­gert.
Auch in Fäl­len chro­ni­schen Al­ko­hol­miß­brauchs darf nach stän­di­ger Recht­spre­chung ge­gen den er­klär­ten Wil­len des Pa­ti­en­ten kei­ne Zwangs­be­hand­lung durch­ge­führt wer­den.
Nach und nach bil­ligt die Recht­spre­chung auch dem Pa­ti­en­ten mit psych­ia­tri­scher Dia­gno­se­stel­lung ein Selbst­be­stim­mungs­recht zu, Krank­heits- und Be­hand­lungs­ein­sicht darf nicht er­zwun­gen wer­den, wie ein jungst ver­öf­fent­lich­tes Ur­teil des OLG Schles­wig fest­stellt.

Mit Schaf­fung des Rechts­in­sti­tu­tes der Vor­sor­ge­voll­macht trägt die Ge­setz­ge­bung den Frei­heits­rech­ten auch ei­nes „psy­chisch Kran­ken“ Rech­nung. Es wird zum ei­nen an­er­kannt, daß pri­vat or­ga­ni­sier­te Für­sor­ge jen­seits ei­ner psych­ia­tri­schen Zwangs­be­hand­lung eben so ef­fek­tiv wie die ärzt­lich me­di­zier­te Heil­be­hand­lung sein kann, zum an­de­ren wird auch dem Bet­of­fe­nen mit Dia­gno­se­stel­lung ei­ner psych­ia­tri­schen Er­kran­kung ein Selbst­be­stim­mungs­recht in be­zug auf freie Arzt­wahl und Recht auf Krank­heit, letzt­lich mit Recht auch auf Ei­gen­ge­fähr­dung zu­ge­bil­ligt.

Kri­te­ri­um und Le­gi­ti­ma­ti­on ei­ner frei­heits­be­schrän­ken­den oder frei­heits­ent­zie­hen­den Maß­nah­me des Be­treu­ungs­rech­tes und auch der Un­ter­brin­gungs­ge­set­ze der ein­zel­nen Bun­des­län­der ist die staat­li­che Für­sor­ge­pflicht. Der Be­trof­fe­ne mit dem Be­fund ei­ner psy­chi­schen Er­kran­kung ist, so die Recht­spre­chung, in sei­nem Wil­len be­ein­träch­tigt und so nicht in der La­ge, sei­nen Wil­len in Hin­blick auf ei­ne ärzt­li­che Heil­be­hand­lung kund­zu­tun oder gar die Not­wen­dig­keit ei­ner sol­chen Heil­be­hand­lung ein­zu­se­hen.

Die Vor­sor­ge­voll­macht ver­mag ei­ne ärzt­li­che Heil­be­hand­lung ge­ge­be­nen­falls un­ter Be­din­gun­gen des Frei­heits­ent­zu­ges folg­lich dann zu ver­hin­dern, wenn der Be­trof­fe­ne sich be­reits in geis­tig in­so­weit un­be­ein­träch­ti­gem Zu­stand durch Er­rich­tung ei­ner Vor­sor­ge­voll­macht mit der Fra­ge aus­ein­an­der­ge­setzt hat, was mit ihm für den Fall per­sön­li­cher Hilf­lo­sig­keit ge­sche­hen soll. Der Be­trof­fe­ne hat so in un­be­ein­träch­tig­tem Zu­stand sei­nen mög­li­cher­wei­se nicht mit ob­jek­ti­ven Not­wen­dig­kei­ten kon­for­men Wil­len dar­ge­legt, der we­gen des ho­hen Ran­ges sei­ner Frei­heits­rech­te zu re­spek­tie­ren ist.

Kon­se­quenz die­ser Neue­rung soll­te in­des nicht über­zo­ge­ne Kri­tik im Rah­men ei­ner end­lo­sen und frucht­lo­sen Dis­kus­si­on über die Fra­ge der Rechts­gül­tig­keit der Vor­sor­ge­voll­macht sein, be­han­deln­de Psych­ia­ter sind viel­mehr ge­hal­ten, der ge­än­der­ten Rechts­la­ge Rech­nung zu tra­gen, um be­züg­lich not­wen­di­ger Heil­be­hand­lung jen­seits von Zwang tat­säch­li­che Über­zeu­gungs­ar­beit zu leis­ten.