PatVerfü-Handbuch

Das PatVerfü-Handbuch enthält ausführliche Informationen rund um das Thema PatVerfü. Sie können das Handbuch online lesen, als EBook herunterladen oder die gedruckte Broschüre bestellen. Oder lesen Sie die Einführung ins Thema.

Das PatVerfü-Handbuch ent­hält aus­führ­li­che In­for­ma­tio­nen rund um das Thema Pat­Verfü. Die The­men rei­chen von den ge­setz­li­chen Grund­la­gen für psych­ia­tri­schen Zwang bis hin zu prak­ti­schen Tipps, um sich mit der Pat­Verfü vor Zwangs­maß­nahmen zu schützen.

Forensische Psychiatrie/„Maßregelvollzug“ nach § 63 StGB und § 64 StGB

Mit ei­ner psych­ia­tri­schen „Dia­gno­se“ ver­leum­de­te Men­schen, die ei­ne straf­recht­lich re­le­van­te (straf­rechts­sank­tio­nier­te) Tat be­gan­gen ha­ben, er­fah­ren eben­so ei­ne Son­der­be­hand­lung. Nach­dem sie für „schuld­un­fä­hig“ oder „ver­min­dert schuld­fä­hig“ er­klärt wur­den und ih­nen so­mit die Ver­ant­wor­tung für ih­re Tat ab­ge­spro­chen wur­de, wer­den sie – im Un­ter­schied zu so­ge­nann­ten „schuld­fä­hi­gen“ Straf­tä­te­rIn­nen, de­nen kei­ne an­geb­li­che „psy­chi­sche Krank­heit“ un­ter­stellt wur­de – nach den Ge­set­zen des Maß­re­gel­voll­zugs, § 63 oder § 64 StGB, in ei­ner An­stalt der fo­ren­si­schen Psych­ia­trie un­ter­ge­bracht.

§ 20 StGB „Schuld­un­fä­hig­keit we­gen see­li­scher Stö­run­gen“ be­sagt:

Oh­ne Schuld han­delt, wer bei Be­ge­hung der Tat we­gen ei­ner krank­haf­ten see­li­schen Stö­rung, we­gen ei­ner tief­grei­fen­den Be­wußt­s­eins­stö­rung oder we­gen Schwach­sinns oder ei­ner schwe­ren an­de­ren see­li­schen Ab­ar­tig­keit un­fä­hig ist, das Un­recht der Tat ein­zu­se­hen oder nach die­ser Ein­sicht zu han­deln.“ [33]

Hier wird al­so eben­falls nicht nach Fak­ten ge­ur­teilt oder zu­min­dest nach der nor­ma­tiv fest­ge­leg­ten Schwe­re der Tat, die je­mand be­gan­gen ha­be. Statt­des­sen ob­liegt hier den psych­ia­tri­schen „Gut­ach­te­rIn­nen“ die Be­fug­nis zu ei­ner be­son­ders ab­sur­den Tä­tig­keit, näm­lich ei­ne Be­ur­tei­lung der Grün­de vor­zu­neh­men, aus de­nen die Tat be­gan­gen wur­de und das Ver­hal­ten ei­ner an­geb­lich ob­jek­ti­ven „Ur­sa­che“ an­zu­las­ten – z.B. ob ih­nen Stim­men ge­sagt ha­ben, sie soll­ten tö­ten oder steh­len („psy­chisch Kran­ke“) oder ob ih­re Ei­fer­sucht oder Gier sie zur Tat ge­trie­ben ha­ben („psy­chisch Ge­sun­de“); ob sie mit dem Au­to je­man­den aus Fahr­läs­sig­keit über­fah­ren ha­ben oder ob es ge­sche­hen ist, weil sie an­geb­lich „psy­chisch krank“ wa­ren (in die­sem Fal­le in­ter­es­sie­ren an­de­re Be­grün­dun­gen nicht mehr). Die straf­recht­li­chen Fol­gen sind weit­rei­chend:

§ 63 StGB „Un­ter­brin­gung in ei­nem psych­ia­tri­schen Kran­ken­haus“ :

Hat je­mand ei­ne rechts­wid­ri­ge Tat im Zu­stand der Schuld­un­fä­hig­keit (§ 20) oder der ver­min­der­ten Schuld­fä­hig­keit (§ 21) be­gan­gen, so ord­net das Ge­richt die Un­ter­brin­gung in ei­nem psych­ia­tri­schen Kran­ken­haus an, wenn die Ge­samt­wür­di­gung des Tä­ters und sei­ner Tat er­gibt, dass von ihm in­fol­ge sei­nes Zu­stan­des er­heb­li­che rechts­wid­ri­ge Ta­ten zu er­war­ten sind und er des­halb für die All­ge­mein­heit ge­fähr­lich ist.”

§ 64 StGB “Un­ter­brin­gung in ei­ner Ent­zie­hungs­an­stalt“ :

(1) Hat ei­ne Per­son den Hang, al­ko­ho­li­sche Ge­trän­ke oder an­de­re be­rau­schen­de Mit­tel im Über­maß zu sich zu  neh­men, und wird sie we­gen ei­ner rechts­wid­ri­gen Tat, die sie im Rausch be­gan­gen hat oder die auf ih­ren Hang zu­rück­geht, ver­ur­teilt oder nur des­halb nicht ver­ur­teilt, weil ih­re Schuld­un­fä­hig­keit er­wie­sen oder nicht aus­zu­schlie­ßen ist, so soll das Ge­richt die Un­ter­brin­gung in ei­ner Ent­zie­hungs­an­stalt an­ord­nen, wenn die Ge­fahr be­steht, dass sie in­fol­ge ih­res Han­ges er­heb­li­che rechts­wid­ri­ge Ta­ten be­ge­hen wird.

(2) Die An­ord­nung er­geht nur, wenn ei­ne hin­rei­chend kon­kre­te Aus­sicht be­steht, die Per­son durch die Be­hand­lung in ei­ner Ent­zie­hungs­an­stalt zu hei­len oder über ei­ne er­heb­li­che Zeit vor dem Rück­fall in den Hang zu be­wah­ren und von der Be­ge­hung er­heb­li­cher rechts­wid­ri­ger Ta­ten ab­zu­hal­ten, die auf ih­ren Hang zu­rück­ge­hen.”

Die An­stal­ten der psych­ia­tri­schen Fo­ren­sik nach § 63 oder § 64 StGB wer­den – ob­gleich sie mit den für Ge­fäng­nis­se ty­pi­schen Ele­men­ten wie Über­wa­chungs­an­la­gen, ho­he Zäu­nen, etc., aus­ge­stat­tet sind – nicht Ge­fäng­nis, son­dern Kran­ken­haus ge­nannt. Auch das Ein­sper­ren dort dient an­geb­lich in ers­ter Li­nie zur „Hei­lung“: Die an­geb­lich „psy­chisch kran­ken“ Straf­tä­te­rIn­nen wer­den so lan­ge vor­geb­lich „the­ra­piert“ und ver­wahrt, bis sie von den psych­ia­tri­schen Gut­ach­te­rIn­nen als nicht mehr „ge­fähr­lich“ ein­ge­stuft wer­den. Es dient an­geb­lich nicht der Be­stra­fung, da die zu In­sas­sIn­nen Ver­ur­teil­ten ja an­geb­lich gar nicht schuld­fä­hig sei­en. Das hat An­ne­lie Pra­po­li­nat in ih­rer Dis­ser­ta­ti­on „Sub­jek­ti­ve An­for­de­run­gen an ei­ne ‚rechts­wid­ri­ge Tat‘ bei § 63 StGB“[34] da­zu ver­an­lasst, die be­mer­kens­wer­te Schluss­fol­ge­rung zu zie­hen, dass es sich bei den be­straf­ten Ver­hal­tens­wei­sen um Irr­tü­mer han­delt, die gar nicht be­straft wer­den dürf­ten.

Der Auf­ent­halt im psych­ia­tri­schen Maß­re­gel­voll­zug geht über die Haft­stra­fe in zwei we­sent­li­chen Punk­ten hin­aus:

  1. In der fo­ren­si­schen Psych­ia­trie wer­den zwangs­wei­se Psy­cho­phar­ma­ka ver­ab­reicht und so­ge­nann­te an­de­re „The­ra­pi­en“ auf­ge­zwun­gen.

  2. In der Pra­xis fal­len die Haft­zei­ten bei psych­ia­trisch ent­mün­dig­ten Straf­tä­te­rIn­nen bei ein und der­sel­ben Straf­tat er­heb­lich län­ger aus – in Jah­ren ge­rech­net kann das auch bis zum Zehn­fa­chen sein – als für die als schuld­fä­hig be­fun­de­nen Straf­tä­te­rIn­nen, die ih­re Tat nicht we­gen ei­ner an­geb­li­chen „psy­chi­schen Krank­heit“ be­gan­gen ha­ben sol­len. Die Ver­län­ge­rung oder Be­en­di­gung der Haft­zeit in der Fo­ren­sik ist al­lein ab­hän­gig von der „Pro­gno­se“ der psych­ia­tri­schen Gut­ach­te­rIn­nen. Die Be­gut­ach­tung fin­det beim § 63 StGB ein­mal jähr­lich statt [35] und so ist für die In­sas­sIn­nen nicht ab­seh­bar, wann und ob sie über­haupt aus der An­stalt ent­las­sen wer­den.[36]

Zum Ab­schluss die­ses Ab­schnitts folgt ein Be­richt ei­ner Ge­fan­ge­nen aus der fo­ren­si­schen An­stalt der „Karl-Bon­hoef­fer-Ner­ven­kli­nik“ aus dem Jahr 2000. Das hier von Frau Theu­er­meis­ter ab­ge­leg­te Zeug­nis sagt nicht nur et­was über die Ver­hält­nis­se in­ner­halb des „Maß­re­gel­voll­zugs“ aus, son­dern lie­fert auch ei­nen Ein­blick in die Struk­tu­ren und Prak­ti­ken der Zwangs-Psych­ia­trie im All­ge­mei­nen:

Der Maß­re­gel­voll­zug ba­siert auf drei Säu­len: Der Phar­ma­ka­the­ra­pie, der Psy­cho­the­ra­pie und der Ar­beits­the­ra­pie. In der Phar­ma­ka­the­ra­pie wird man mit Psy­cho­phar­ma­ka ab­ge­füllt. In der Psy­cho­the­ra­pie kann man dann über die Schä­den re­den, die das ver­ur­sacht und in der Ar­beits­the­ra­pie muss man für 1,30 DM/Stunde ar­bei­ten. Er­war­tet wird, dass man sich die­sen drei Pro­gram­men wi­der­stands­los un­ter­wirft. Dann win­ken Voll­zugs­lo­cke­run­gen wie Aus­gang und ir­gend­wann die Ent­las­sung in ei­ne WG, wo das­sel­be Pro­gramm durch­ge­zo­gen wird wie im Maß­re­gel­voll­zug. Ich ma­che nichts von al­le­dem mit. Ich wer­de ge­walt­sam ab­ge­spritzt: 5 Leu­te pa­cken mich, zer­ren mich in die Zel­le, wer­fen mich aufs Bett, zie­hen mir die Ho­sen run­ter und dann wer­de ich ab­ge­spritzt. Das wie­der­holt sich al­le 4 Wo­chen. Ich weh­re mich da­bei so gut es geht. Die Sprit­zen ha­ben ei­ne ver­hee­ren­de Wir­kung auf Kör­per und Geist. Ich ha­be kei­ne Phan­ta­sie mehr. Mei­ne Mu­si­ka­li­tät und Se­xua­li­tät sind völ­lig zer­stört. Mei­ne Fin­ger sind ver­steift. Der gan­ze Kör­per ist häss­lich ge­wor­den. Es fließt kei­ne Bio­en­er­gie mehr. Da­mit das al­les geht, ha­ben sie mir ei­nen Be­treu­er vor die Na­se ge­setzt. Der Be­treu­er stimmt al­lem zu, was ich ab­leh­ne, al­so auch der Zwangs­be­hand­lung. Wenn er das nicht macht, wird er ab­ge­löst von ei­nem Be­treu­er, der al­les ab­seg­net, was die Ärz­te von ihm wol­len.“ [37]

Ich kann zu­se­hen wie mein ehe­mals ge­sun­der Kör­per nach und nach völ­lig ent­stellt und ka­putt­ge­macht wird, die Seh­stär­ke der Au­gen nimmt dras­tisch ab. Die Mu­si­ka­li­tät und Se­xua­li­tät sind völ­lig zer­stört, mei­nen gan­zen Kör­per er­fasst ein un­will­kür­li­ches Zit­tern, in den Schul­ter­ge­len­ken hat sich Rheu­ma ein­ge­nis­tet. Die Fin­ger sind ver­steift. Das al­les sind Wir­kun­gen von Hal­dol. Es gibt kei­ne Ne­ben­wir­kun­gen. Die Zer­stö­rung des Kör­pers ist das ei­gent­li­che Ziel. (…) Die Scher­gen wol­len, dass ich das Zeug frei­wil­lig ein­neh­me, wie al­le hier. Das wird ih­nen nicht ge­lin­gen. Neu­ro­lep­ti­ka wir­ken wie ei­ne stän­di­ge Fes­sel. Mit die­ser Fes­sel ver­spre­chen sie uns die Frei­heit. Stän­dig ge­fes­selt und kör­per­lich völ­lig ka­putt sind wir dann auch nicht mehr ‚ge­fähr­lich‘. Je­der Gut­ach­ter wird uns be­schei­ni­gen, dass wir krank sind und be­treut wer­den müs­sen.“ [38]


[33] Be­mer­kens­wert in Be­zug auf die Kon­ti­nui­tä­ten in der Psych­ia­trie ist die un­ge­bro­che­ne Ver­wen­dung der Be­grif­fe „Schwach­sinn“ und „Ab­ar­tig­keit“ in die­sem deut­schen Straf­rechts­pa­ra­gra­phen. Die so­ge­nann­ten „Schwach­sin­ni­gen“ wa¬ren die be­vor­zug­te Ziel­grup­pe der Eu­ge­ni­ker im Na­zi- Deutsch­land und auch in an­de­ren Län­dern, da es ei­ne auf so­zia­le Kri­te­ri­en ge­stütz­te, sehr dehn­ba­re Ka­te­go­rie war. Tat­säch­lich ist „Schwach­sinn“ heut­zu­ta­ge im­mer noch ei­ne Ka­te­go­rie in der In­tel­li­genz­ska­la. „Ab­ar­tig­keit“ klingt wie­der­um sehr nach „De­ge­ne­ra­ti­on“, „Ent­ar­tung“ und „Fremd­ras­sig­keit“. Wei­ter­füh­ren­de Li­te­ra­tur da­zu sie­he Hal­mi, Ali­ce: Kon­ti­nui­tä­ten der (Zwangs-) Psych­ia­trie. Ei­ne kri­ti­sche Be­trach­tung. Ber­lin 2008, Sei­te 74-82. www.irrenoffensive.de/kontinuitaeten.htm

[34] Pra­po­li­nat, An­ne­lie: Sub­jek­ti­ve An­for­de­run­gen an ei­ne „rechts­wid­ri­ge Tat“ bei § 63 StGB: Ei­ne kri­ti­sche Wür­di­gung der Leh­re des Bun­des­ge­richts­ho­fes von der Un­be­acht­lich­keit spe­zi­fisch krank­heits­be­ding­ter Irr­tü­mer. Saar­brü­cker Ver­lag für Rechts­wis­sen­schaf­ten 2009. ediss.sub.uni-hamburg.de/volltexte/2004/2271/

[35] Die Fris­ten zur Über­prü­fung wer­den durch § 67e StGB wie folgt ge­re­gelt:

(1) Das Ge­richt kann je­der­zeit prü­fen, ob die wei­te­re Voll­stre­ckung der Un­ter­brin­gung zur Be­wäh­rung aus­zu­set­zen oder für er­le­digt zu er­klä­ren ist. Es muß dies vor Ab­lauf be­stimm­ter Fris­ten prü­fen.

(2) Die Fris­ten be­tra­gen bei der Un­ter­brin­gung in ei­ner Ent­zie­hungs­an­stalt sechs Mo­na­te, in ei­nem psych­ia­tri­schen Kran­ken­haus ein Jahr, in der Si­che­rungs­ver­wah­rung zwei Jah­re.“

[36] Hier fin­det sich die Par­al­le­le zur so­ge­nann­ten Si­che­rungs­ver­wah­rung: Die Län­ge des Ein­ge­sperrt­seins de­rer, die sich in Si­che­rungs­ver­wah­rung be­fin­den, hängt eben­falls von der so­ge­nann­ten Pro­gno­se der Gut­ach­te­rIn­nen über ih­re „Ge­fähr­lich­keit“ ab und kann even­tu­ell le­bens­lang sein.

[37] Theu­er­meis­ter, Erd­mu­the: State­ment an­läss­lich der Ver­nis­sa­ge der Aus­stel­lung „The Mis­sing Link” in der Volks­büh­ne Ber­lin, 2000. www.dissidentart.de/bilder_tumarkin/erdmuthe.htm

[38] Theu­er­meis­ter, Erd­mu­the: „Zwangs­be­hand­lung im Maß­re­gel­voll­zug”. In: Die Ir­ren-Of­fen­si­ve Nr. 9, Ber­lin 2000, S. 34, www.antipsychiatrie.de/io_09/zwangsbehandlung.htm