PatVerfü-Handbuch

Das PatVerfü-Handbuch enthält ausführliche Informationen rund um das Thema PatVerfü. Sie können das Handbuch online lesen, als EBook herunterladen oder die gedruckte Broschüre bestellen. Oder lesen Sie die Einführung ins Thema.

Das PatVerfü-Handbuch ent­hält aus­führ­li­che In­for­ma­tio­nen rund um das Thema Pat­Verfü. Die The­men rei­chen von den ge­setz­li­chen Grund­la­gen für psych­ia­tri­schen Zwang bis hin zu prak­ti­schen Tipps, um sich mit der Pat­Verfü vor Zwangs­maß­nahmen zu schützen.

Zwang nach Betreuungsrecht

Ein wei­te­res Feld psych­ia­tri­scher Zwangs­maß­nah­men ist die recht­li­che „Be­treu­ung“ Er­wach­se­ner, zi­vil­recht­lich ge­re­gelt durch § 1896 ff. des Bür­ger­li­chen Ge­setz­buchs (BGB). Der Be­griff  „Be­treu­ung“ lös­te 1992 die „Vor­mund­schaft“ ab, doch von Na­hem be­se­hen lässt sich er­ken­nen, dass es sich da­bei um ei­nen Eti­ket­ten­schwin­del han­delt. Mit die­ser Be­treu­ungs­rechts­än­de­rung von 1992 wur­de (ver­suchs­wei­se) ver­schlei­ert, dass sich am We­sen der „recht­li­chen Be­treu­ung“ nichts ge­än­dert hat­te: Ent­mün­di­gung und Ent­rech­tung der Be­trof­fe­nen blie­ben be­stehen. Der Zwangs­cha­rak­ter der „Be­treu­ung“ be­ginnt be­reits mit der Ein­rich­tung der­sel­ben:

Un­ter § 1896 BGB, „Vor­aus­set­zun­gen“ lau­tet es in Ab­satz 1 zu­nächst:

Kann ein Voll­jäh­ri­ger auf Grund ei­ner psy­chi­schen Krank­heit oder ei­ner kör­per­li­chen, geis­ti­gen oder see­li­schen Be­hin­de­rung sei­ne An­ge­le­gen­hei­ten ganz oder teil­wei­se nicht be­sor­gen, so be­stellt das Be­treu­ungs­ge­richt auf sei­nen An­trag oder von Amts we­gen für ihn ei­nen Be­treu­er. Den An­trag kann auch ein Ge­schäfts­un­fä­hi­ger stel­len. So­weit der Voll­jäh­ri­ge auf Grund ei­ner kör­per­li­chen Be­hin­de­rung sei­ne An­ge­le­gen­hei­ten nicht be­sor­gen kann, darf der Be­treu­er nur auf An­trag des Voll­jäh­ri­gen be­stellt wer­den, es sei denn, dass die­ser sei­nen Wil­len nicht kund­tun kann.“

Das be­deu­tet, dass aus­schließ­lich die­je­ni­gen, de­nen ei­ne so­ge­nann­te rein „kör­per­li­che Be­hin­de­rung“ nach­ge­sagt wird, das Recht ha­ben, die Be­stel­lung ei­ner Be­treu­ung wirk­sam ab­zu­leh­nen, es sei denn, sie kön­nen ih­ren Wil­len nicht er­kenn­bar äu­ßern, weil sie z.B. im Ko­ma lie­gen. Im Ge­gen­satz da­zu gilt das der­zeit vor Ge­richt nicht für die­je­ni­gen, de­nen ei­ne „psy­chi­sche Krank­heit“ an­ge­hängt wird bzw. wie im Ge­set­zes­text be­zeich­net, für die „geis­tig oder see­lisch Be­hin­der­ten“. Ih­re Ent­schei­dungs­frei­heit wird näm­lich ver­hin­dert durch § 1896 BGB, Ab­satz 1a: „Ge­gen den frei­en Wil­len des Voll­jäh­ri­gen darf ein Be­treu­er nicht be­stellt wer­den.“ Der per­fi­de Trick mit der Ab­erken­nung der Ein­wil­li­gungs­fä­hig­keit ist fol­gen­der: Laut ju­ris­ti­scher Spra­che und mit­tels psych­ia­tri­scher De­fi­ni­ti­on wird un­ter­schie­den zwi­schen ei­nem „frei­en Wil­len“ und ei­nem „na­tür­li­chen Wil­len“, wo­bei ein „frei­er Wil­le“ le­dig­lich „geis­tig ge­sun­den Men­schen“ zu­ge­stan­den wird und dem­nach (dau­er­haft) „Geis­tes­kran­ke“ le­dig­lich ei­nen „na­tür­li­chen Wil­len“ be­sit­zen wür­den. Der Bun­des­rat sprach sich in sei­nem Ent­wurf zum Be­treu­ungs­rechts­än­de­rungs­ge­setz von 2004 un­ver­hoh­len dar­über aus:

„Be­tä­tigt der an ei­ner Er­kran­kung im Sin­ne des § 1896 Abs. 1 BGB lei­den­de Be­trof­fe­ne sei­nen Wil­len, man­gelt es die­sem je­doch an der Ein­sichts­fä­hig­keit oder an der Fä­hig­keit, nach die­ser Ein­sicht zu han­deln, so liegt ein le­dig­lich na­tür­li­cher Wil­le vor. Der na­tür­li­che Wil­le ist da­mit je­de Wil­lens­äu­ße­rung, der es krank­heits­be­dingt an ei­nem der bei­den Merk­ma­le fehlt.“ [9]

In die­sem Sin­ne wird auch die Ge­schäfts­fä­hig­keit ab­ge­spro­chen:

Ge­schäfts­un­fä­hig ist” nach §104 BGB (ne­ben Per­so­nen un­ter 7 Jah­ren)

… wer sich in ei­nem die freie Wil­lens­be­stim­mung aus­schlie­ßen­den Zu­stand krank­haf­ter Stö­rung der Geis­tes­tä­tig­keit be­fin­det, so­fern nicht der Zu­stand sei­ner Na­tur nach ein vor­über­ge­hen­der ist.”

Die Fest­stel­lung der Ge­schäfts­un­fä­hig­keit für den Ein­zel­fall müs­sen die Ge­rich­te tref­fen, nach der vom Ab­schnitt über die öf­fent­lich-recht­li­che Un­ter­brin­gung be­kann­ten Vor­ge­hens­wei­se, näm­lich auf­grund ei­nes psych­ia­tri­schen Gut­ach­tens. So ha­ben die Psych­ia­te­rIn­nen auch hier die Macht er­hal­ten, mit ein paar Wor­ten gra­vie­ren­de Ent­schei­dun­gen über das Le­ben an­de­rer fäl­len zu kön­nen.

So­ge­nann­te „recht­li­che Be­treu­ung“ wird ent­we­der eh­ren­amt­lich über­nom­men, dies meis­tens von (Fa­mi­li­en-) An­ge­hö­ri­gen oder be­zahlt von pro­fes­sio­nel­len „Be­rufs­be­treu­ern“. Von der Zwangs-Be­treu­ung be­trof­fen sind so­wohl jün­ge­re Er­wach­se­ne mit psych­ia­tri­scher Will­kür-Dia­gno­se als auch Se­nio­rin­nen und Se­nio­ren, die über die psych­ia­tri­sche Will­kür-Dia­gno­se „De­menz“ ent­mün­digt wer­den.[10]

Un­ge­ach­tet des­sen hal­ten die an­geb­li­chen „Re­for­me­rIn­nen“ in ei­ner vom Bun­des­jus­tiz­mi­nis­te­ri­um her­aus­ge­ge­ben Bro­schü­re zur Er­läu­te­rung des Be­treu­ungs­rechts an der Be­haup­tung fest, dass die Be­stel­lung ei­nes Be­treu­ers „kei­ne Ent­rech­tung“ sei. [11] Sie ma­chen in ih­rer Be­grün­dung dann wie­der ei­nen rhe­to­ri­schen Zug, in dem sie fest­le­gen, die Wirk­sam­keit der (Willens-)Erklärungen ei­nes „Be­treu­ten“ be­ur­tei­le sich da­nach, „ob er de­ren We­sen, Be­deu­tung und Trag­wei­te ein­se­hen und da­nach han­deln kann“, um dann – mit der Ge­wiss­heit, dass Psych­ia­te­rIn­nen je­der­zeit be­reit sind, „Ein­sichts- und Hand­lungs­un­fä­hig­keit“ auf­grund an­geb­li­cher „psy­chi­scher Krank­heit“ zu at­tes­tie­ren – be­haup­ten zu kön­nen: „In vie­len Fäl­len wird ei­ne sol­che Ein­sicht al­ler­dings nicht mehr vor­han­den sein. Dann ist der Mensch ‚im na­tür­li­chen Sin­ne‘ – un­ab­hän­gig von der Be­treu­er­be­stel­lung – ge­schäfts­un­fä­hig (§104 Nr.2 BGB)“.[12] Im nächs­ten Schritt kom­men die Au­to­rIn­nen der Bro­schü­re auf den § 1903 BGB “Ein­wil­li­gungs­vor­be­halt”[13] zu spre­chen: „Wenn das Ge­richt für ein­zel­ne Auf­ga­ben­krei­se [da­zu sie­he un­ten, Anm. d. Aut.] ei­nen Ein­wil­li­gungs­vor­be­halt an­ge­ord­net hat“, braucht der „be­treu­te Mensch (…) dann (von ge­wis­sen Aus­nah­men, wie et­wa bei ge­ring­fü­gi­gen Ge­schäf­ten des täg­li­chen Le­bens, ab­ge­se­hen) die Ein­wil­li­gung sei­nes Be­treu­ers“. [14] Ein­fach ge­sagt: Wird ein Ein­wil­li­gungs­vor­be­halt ver­hängt, kann ein/e „Betreute/r“ seine/ihre Din­ge nicht oh­ne den/die „Be­treue­rIn“ tä­ti­gen und auch um­ge­kehrt kann ein/e Be­treue­rIn ver­hin­dern, dass die/der Be­treu­te be­stimm­te Din­ge tä­tigt. Das kann z.B. so ei­ne ba­na­le Sa­che sein, wie dass ein/e Be­treue­rIn ihrer/m Be­treu­ten ver­wei­gert, sich neue Klei­dung zu kau­fen, da die­ser oh­ne ih­re Zu­stim­mung nicht mehr nicht mehr über sein Geld auf der Bank ver­fü­gen kann. Die­se Ent­rech­tung wird dann mal wie­der pa­ter­na­lis­tisch als „Schutz des be­treu­ten Men­schen vor un­ein­sich­ti­ger Selbst­schä­di­gung“ um­ge­deu­tet.[15] Nach al­ter psych­ia­tri­scher Tra­di­ti­on ge­schieht je­de Ge­walt ja nur „zum Bes­ten“ des Pa­ti­en­ten und zu deren/dessen „Woh­le“.[16] Die­se Mög­lich­keit zum Ein­wil­li­gungs­vor­be­halt stellt das Bun­des­jus­tiz­mi­nis­te­ri­um als „ei­ne wich­ti­ge Aus­nah­me“ von „dem Grund­satz, dass das Be­treu­ungs­recht kei­nen Ein­fluss auf die recht­li­che Hand­lungs­fä­hig­keit der Be­trof­fe­nen hat“, dar. Tat­sa­che ist je­doch: Die Ge­rich­te ha­ben an­hand psych­ia­tri­scher Gut­ach­ten je­der­zeit die Mög­lich­keit, ei­nen Ein­wil­li­gungs­vor­be­halt an­zu­ord­nen und leis­ten (um­ge­kehrt) dem Ver­lan­gen der „Be­treue­rIn­nen“ und Psych­ia­te­rIn­nen re­gel­mä­ßig und wil­lig Fol­ge.[17]

Ei­nen recht gu­ten Ein­blick über die Aus­wir­kun­gen des Be­treu­ungs­rechts in der Pra­xis hin­sicht­lich to­ta­ler Ent­mün­di­gung bot die am 29.7.2007 im Bay­ri­schen Fern­se­hen aus­ge­strahl­te Re­por­ta­ge von An­net­te Pe­ter und Kat­rin Pötzsch „Ent­mün­digt und al­lein ge­las­sen. Ge­fan­gen im Netz der Be­treu­ung“ an­hand von drei Schick­sa­len, die je­doch kei­ne Ein­zel­fäl­le, son­dern bei­spiel­haft sind. Pro­fes­sor Vol­ker Thie­ler, An­walt für Be­treu­ungs­recht, äu­ßer­te in die­ser Sen­dung: „Die Macht des Be­treu­ers im Be­treu­ungs­recht ist un­glaub­lich, er kann letzt­end­lich sämt­li­che Ent­schei­dun­gen tref­fen, er kann die Ent­schei­dung tref­fen, dass er nicht mehr te­le­fo­nie­ren kann, der Be­treu­te, er kann die Ent­schei­dung tref­fen, dass er nicht mehr Post ent­ge­gen­neh­men darf, dass er nicht mehr aus dem Haus ge­hen darf, letzt­end­lich kann er ihn ja auch ein­wei­sen las­sen, dass er sei­ne Woh­nung ver­liert. Al­so die Macht ist an sich un­be­schränkt, sie soll­te vom Ge­richt kon­trol­liert wer­den, aber auf­grund die­ser Mas­sen Be­treu­ungs­fäl­le ist ei­ne Kon­trol­le mei­ner An­sicht nach gar nicht mög­lich und da se­he ich das größ­te Pro­blem, das ist letzt­end­lich ein enor­mer Ein­griff in die Men­schen­rech­te, der Mensch ver­liert im Be­treu­ungs­recht in be­stimm­ten Fäl­len im Prin­zip sei­ne ge­sam­ten Men­schen­rech­te.“

§ 1901 BGB, Ab­satz 1, be­sagt: „Die Be­treu­ung um­fasst al­le Tä­tig­kei­ten, die er­for­der­lich sind, um die An­ge­le­gen­hei­ten des Be­treu­ten nach Maß­ga­be der fol­gen­den Vor­schrif­ten recht­lich zu be­sor­gen“. Die „Be­treue­rIn­nen“ wer­den von den Ge­rich­ten für be­stimm­te Tä­tig­keits­be­rei­che, „Auf­ga­ben­krei­se“ ge­nannt, er­mäch­tigt, in­ner­halb de­rer sie be­fugt sind, ‚stell­ver­tre­tend‘ für die Ent­mün­dig­ten zu han­deln. Es kann sein, dass ein/e Be­treue­rIn le­dig­lich für ei­nen Auf­ga­ben­kreis be­stimmt wird. Es ist gleich­falls üb­lich, dass Be­treue­rIn­nen für meh­re­re oder für al­le Auf­ga­ben­krei­se  be­stimmt wer­den. Der Auf­ga­ben­kreis „Auf­ent­halts­be­stim­mung“ be­trifft so­wohl kurz­fris­ti­ge als auch dau­er­haf­te Auf­ent­hal­te der Be­treu­ten. In Ver­bin­dung mit dem Auf­ga­ben­kreis „Woh­nungs­an­ge­le­gen­hei­ten“ sind die Be­treue­rIn­nen er­mäch­tigt, über die Art und den Ort des Woh­nens der Be­trof­fe­nen zu be­stim­men. Wie vom oben zi­tier­ten Prof. Thie­ler an­ge­spro­chen, ist er­fah­rungs­ge­mäß häu­fig der Fall, dass die Be­treue­rIn­nen die von den Be­trof­fe­nen ehe­mals ei­gens an­ge­mie­te­te Woh­nung auf­lö­sen und die­se statt­des­sen in ei­ner ge­mein­de­psych­ia­tri­schen Ein­rich­tung oder in ei­nem Pfle­ge­heim un­ter­brin­gen. Wie auch in der Re­por­ta­ge des BR ge­zeigt, kann dies für die Be­trof­fe­nen plötz­lich er­fol­gen, oh­ne de­ren Ein­wil­li­gung und so­gar oh­ne Vor­war­nung. Der Auf­ga­ben­kreis „Auf­ent­halts­be­stim­mung“ um­fasst auch die Ent­schei­dung über ei­ne Un­ter­brin­gungs­maß­nah­me im Sin­ne des Ge­set­zes über das Ver­fah­ren in Fa­mi­li­en­sa­chen und in den An­ge­le­gen­hei­ten der frei­wil­li­gen Ge­richts­bar­keit (FamFG), Buch 7 – Ver­fah­ren in Frei­heits­ent­zie­hungs­sa­chen (§§ 415 - 432) bzw. nach § 1906 BGB (vgl. un­ten). Ob­liegt Be­treue­rIn­nen die „Ge­sund­heits­sor­ge“, kön­nen sie über me­di­zi­ni­sche Ein­grif­fe und Be­hand­lun­gen der Be­trof­fe­nen (mit-) ent­schei­den. Die­ser Auf­ga­ben­kreis er­mäch­tigt sie ins­be­son­de­re auch da­zu, zwangs­wei­se Un­ter­brin­gun­gen in die sta­tio­nä­re Psych­ia­trie zu ver­an­las­sen. Sprich: Im­mer, wenn ein/e Be­treue­rIn meint, die/der Be­vor­mun­de­te sei ge­ra­de be­son­ders „the­ra­pie­be­dürf­tig“, kann er oder sie bei Ge­richt be­an­tra­gen, dass ei­ne (zwangs­wei­se) Un­ter­brin­gung in der Ge­schlos­se­nen in­klu­si­ve der üb­li­chen dor­ti­gen psych­ia­tri­schen Zwangs­maß­nah­men zu an­geb­li­chen Heil­zwe­cken und zur Si­cher­heit der An­stalts­ord­nung vor­ge­nom­men wird und be­kommt den An­trag in der Re­gel auch vom Ge­richt ge­neh­migt. (Wei­te­res da­zu sie­he un­ten.) Die „Ver­mö­gens­sor­ge” be­fugt Be­treue­rIn­nen da­zu, über das fi­nan­zi­el­le Ver­mö­gen der Ent­mün­dig­ten zu ent­schei­den. Ab­ge­se­hen von der grund­sätz­li­chen men­schen­recht­li­chen Il­le­ga­li­tät der ge­sam­ten Zwangs-„Betreuung“ – und ins­be­son­de­re Il­le­ga­li­tät auf­grund der UN-Be­hin­der­ten­rechts­kon­ven­ti­on –  läuft z.B. die ge­walt­sa­me Un­ter­brin­gung von „Be­treu­ten“ in ei­ner Psych­ia­trie in der Pra­xis zu­meist auf Grund des Be­treu­ungs­rechts ‚le­gal‘ ab, wäh­rend der Auf­ga­ben­kreis „Ver­mö­gens­sor­ge“ vie­le Mög­lich­kei­ten bie­tet, sich ‚il­le­gal‘ an ver­mö­gen­den Ent­mün­dig­ten per­sön­lich zu be­rei­chern. So kann die Über­nah­me ei­ner Be­treu­ung für Be­rufs­be­treue­rIn­nen zu ei­nem aus­ge­spro­chen lu­kra­ti­ven Ge­schäft wer­den. Aus ähn­lich ego­is­ti­schen Grün­den gibt es An­ge­hö­ri­ge, die ih­re Ver­wand­ten mit Hil­fe der psych­ia­tri­schen Dia­gno­se „De­menz“ ent­mün­di­gen las­sen und die amt­li­che „Be­treu­ung“ sel­ber über­neh­men, um die­se dann in ge­schlos­se­ne An­stal­ten ab­schie­ben zu kön­nen und ggf. de­rer Ver­mö­gen und Im­mo­bi­li­en hab­haft wer­den zu kön­nen. Der Auf­ga­ben­kreis „Ver­tre­tung ge­gen­über Be­hör­den“ gibt den Be­treue­rIn­nen die Be­fug­nis zum stell­ver­tre­ten­den Um­gang mit Äm­tern, Be­hör­den und Ver­si­che­run­gen. So kann auch in be­hörd­li­chen An­ge­le­gen­hei­ten und vor Ge­richt oh­ne die Un­ter­schrift des Vor­munds un­ter Um­stän­den nichts vom Be­trof­fe­nen al­lei­ne ge­tä­tigt wer­den. Als wei­te­rer Auf­ga­ben­kreis kann „Post­kon­trol­le“ an­ge­ord­net wer­den.

Die um­fang­rei­che­ren Maß­nah­men be­dür­fen ei­ner ge­richt­li­chen Ge­neh­mi­gung für ih­re Um­set­zung. Doch auch hier­bei zeigt sich in der Pra­xis, dass die Vor­mund­schafts­ge­rich­te bzw. die so­ge­nann­ten „Be­treu­ungs­ge­rich­te“, wie sie der Ge­setz­ge­ber zum 1.9.2009 um­de­kla­riert hat, sich ge­nau­so wie bei der öf­fent­lich-recht­li­chen Un­ter­brin­gung (nach Psy­chisch-Kran­ken-Lan­des­ge­set­zen) ver­hal­ten, d.h. den An­trä­gen der Psych­ia­trie und den ihr hö­ri­gen Be­treue­rIn­nen zum vor­geb­li­chen „Wohl“ Fol­ge leis­ten.

Nach dem Cel­ler Ur­teil von 2005 – Rechts­un­si­cher­heit und neue Per­spek­ti­ven:

Spä­tes­tens seit dem Ur­teil des Ober­lan­des­ge­rich­tes (OLG) Cel­le von 2005 (und dann sei­nem wei­te­ren Ur­teil von 2007) ist in Ju­ris­ten­krei­sen und in der Öf­fent­lich­keit die Recht­mä­ßig­keit der bis­he­ri­gen Pra­xis der Be­treue­rIn­nen und der Ge­rich­te in­fra­ge ge­stellt wor­den. Es be­steht er­heb­li­che Rechts­un­si­cher­heit dar­über, ob das Be­treu­ungs­ge­setz tat­säch­lich den „Be­treue­rIn­nen“ er­laubt, in be­stimm­ten Be­rei­chen, wie der ärzt­li­chen Be­hand­lung, ge­gen den er­klär­ten (so­ge­nann­ten „na­tür­li­chen“) Wil­len der „Be­treu­ten“ zu ent­schei­den so­wie dar­über, ob ei­ne Be­hand­lung mit Zwang voll­zo­gen wer­den darf. [18]

Un­ter § 1906 BGB „Ge­neh­mi­gung des Be­treu­ungs­ge­richts bei der Un­ter­brin­gung” ist in die­sem Zu­sam­men­hang in­ter­es­sant:

(1) Ei­ne Un­ter­brin­gung des Be­treu­ten durch den Be­treu­er, die mit Frei­heits­ent­zie­hung ver­bun­den ist, ist nur zu­läs­sig, so­lan­ge sie zum Wohl des Be­treu­ten er­for­der­lich ist, weil

  1. auf­grund ei­ner psy­chi­schen Krank­heit oder geis­ti­gen oder see­li­schen Be­hin­de­rung des Be­treu­ten die Ge­fahr be­steht, dass er sich selbst tö­tet oder er­heb­li­chen ge­sund­heit­li­chen Scha­den zu­fügt, oder

  2. ei­ne Un­ter­su­chung des Ge­sund­heits­zu­stan­des, ei­ne Heil­be­hand­lung oder ein ärzt­li­cher Ein­griff not­wen­dig ist, oh­ne die Un­ter­brin­gung des Be­treu­ten nicht durch­ge­führt wer­den kann und der Be­treu­te auf­grund ei­ner psy­chi­schen Krank­heit oder geis­ti­gen oder see­li­schen Be­hin­de­rung die Not­wen­dig­keit der Un­ter­brin­gung nicht er­ken­nen oder nicht nach die­ser Ein­sicht han­deln kann.

(2) Die Un­ter­brin­gung ist nur mit Ge­neh­mi­gung des Be­treu­ungs­ge­richts zu­läs­sig. Oh­ne die Ge­neh­mi­gung ist die Un­ter­brin­gung nur zu­läs­sig, wenn mit dem Auf­schub Ge­fahr ver­bun­den ist; die Ge­neh­mi­gung ist un­ver­züg­lich nach­zu­ho­len.

(3) Der Be­treu­er hat die Un­ter­brin­gung zu be­en­den, wenn ih­re Vor­aus­set­zun­gen weg­fal­len. Er hat die Be­en­di­gung der Un­ter­brin­gung dem Be­treu­ungs­ge­richt an­zu­zei­gen.“

Fest­zu­hal­ten ist an die­ser Stel­le, dass die Un­ter­brin­gung nach Be­treu­ungs­recht aus­schließ­lich bei an­geb­li­cher „Selbst­ge­fähr­dung auf­grund psy­chi­scher Krank­heit“ er­fol­gen darf. Psych­ia­tri­sche Un­ter­brin­gung auf­grund an­geb­li­cher „Fremd­ge­fähr­dung“ ist hin­ge­gen ge­setz­lich nicht Sa­che des Be­treu­ers, son­dern er­folgt, wie ein­gangs be­schrie­ben, nach den Un­ter­brin­gungs­ge­set­zen der ein­zel­nen Län­der. Die Un­ter­brin­gung nach Be­treu­ungs­recht um­fasst über die zwangs­wei­se Ein­sper­rung in ge­schlos­se­ne Räu­me ei­ner psych­ia­tri­schen An­stalt hin­aus auch „Un­ter­brin­gungs­ähn­li­che Maß­nah­men“ ge­gen den Wil­len der „ein­wil­li­gungs­un­fä­hi­gen Be­treu­ten“, die eben­falls der Ge­neh­mi­gung des Be­treu­ungs­ge­richts be­dür­fen. Dies wird in Ab­satz 4 des § 1906 BGB be­schrie­ben: „(4) Die Ab­sät­ze 1 bis 3 gel­ten ent­spre­chend, wenn dem Be­treu­ten, der sich in ei­ner An­stalt, ei­nem Heim oder ei­ner sons­ti­gen Ein­rich­tung auf­hält, oh­ne un­ter­ge­bracht zu sein, durch me­cha­ni­sche Vor­rich­tun­gen, Me­di­ka­men­te oder auf an­de­re Wei­se über ei­nen län­ge­ren Zeit­raum oder re­gel­mä­ßig die Frei­heit ent­zo­gen wer­den soll.“ Als Bei­spie­le für me­cha­ni­sche Vor­rich­tun­gen be­nennt die Bro­schü­re des Bun­des­jus­tiz­mi­nis­te­ri­ums: „Bett­git­ter; Leib­gurt im Bett oder am Stuhl; Fest­bin­den der Ar­me und Bei­ne; Ab­schlie­ßen des Zim­mers oder der Sta­ti­on, wenn die Öff­nung auf Wunsch des Be­woh­ners nicht je­der­zeit ge­währ­leis­tet ist“.[19] Des Wei­te­ren wird dort aus­drück­lich dar­auf hin­ge­wie­sen, dass als ‚frei­heits­ent­zie­hen­de Maß­nah­me‘ nur „Me­di­ka­men­te“ ein­ge­setzt wer­den, „die in ers­ter Li­nie die Ru­hig­stel­lung des Be­treu­ten be­zwe­cken (Ge­gen­bei­spiel: die Ru­hig­stel­lung ist Ne­ben­wir­kung ei­nes zu Heil­zwe­cken ver­ab­reich­ten Me­di­ka­ments).“ [20] Ab­ge­se­hen da­von, dass bei den meis­ten der durch die Psych­ia­trie üb­li­cher­wei­se ver­ab­reich­ten Psy­cho­phar­ma­ka (bei Neu­ro­lep­ti­ka und Tran­qui­li­zern) die Ru­hig­stel­lung im­mer die (auch be­ab­sich­tig­te) Haupt­wir­kung ist und ab­ge­se­hen da­von, dass hier be­mer­kens­wer­ter Wei­se von psych­ia­trie­be­für­wor­ten­der Sei­te ein­ge­stan­den wird, dass so­ge­nann­te „Me­di­ka­men­te“ in ei­ni­gen Fäl­len nicht zu Heil­zwe­cken ein­ge­setzt wer­den, son­dern (haupt­säch­lich) da­zu, Men­schen be­que­mer hand­hab­bar zu ma­chen, ist die­ser Hin­weis für die De­bat­te um die Recht­mä­ßig­keit der „me­di­zi­ni­schen“ Zwangs­be­hand­lung in­ter­es­sant: Aus der Sicht des OLG Cel­le und an­de­rer re­gelt der oben dar­ge­stell­te § 1906 BGB le­dig­lich die Ge­neh­mi­gung zur ge­walt­sa­men Un­ter­brin­gung (und un­ter­brin­gungs­ähn­li­chen Maß­nah­men) durch die „Be­treue­rIn­nen“, nicht aber die ge­walt­sa­me „Heil­be­hand­lung“. Noch ein zwei­ter Pa­ra­graph der Be­treu­ungs­ge­set­ze wird in die­ser De­bat­te er­wähnt:

§ 1904 BGB „Ge­neh­mi­gung des Be­treu­ungs­ge­richts bei ärzt­li­chen Maß­nah­men“. Dort lau­tet Ab­satz 1:

Die Ein­wil­li­gung des Be­treu­ers in ei­ne Un­ter­su­chung des Ge­sund­heits­zu­stands,  ei­ne Heil­be­hand­lung oder ei­nen ärzt­li­chen Ein­griff be­darf der Ge­neh­mi­gung des Be­treu­ungs­ge­richts [vor­mals: „Vor­mund­schafts­ge­richts“, Anm. d. Aut.] wenn die be­grün­de­te Ge­fahr be­steht, dass der Be­treu­te auf Grund der Maß­nah­me stirbt oder ei­nen schwe­ren und län­ger dau­ern­den ge­sund­heit­li­chen Scha­den er­lei­det. Oh­ne die Ge­neh­mi­gung darf die Maß­nah­me nur durch­ge­führt wer­den, wenn mit dem Auf­schub Ge­fahr ver­bun­den ist.“

Hier ist le­dig­lich ge­re­gelt, wel­chen Be­din­gun­gen die Ein­wil­li­gung der „Be­treue­rIn­nen“ in ei­ne ärzt­li­che Maß­nah­me un­ter­liegt, je­doch nicht, dass die Ein­wil­li­gung ge­gen den Wil­len der „Be­treu­ten“ ge­trof­fen wer­den darf. Dem be­sag­ten Be­schluss des OLG Cel­le vom 10.8.2005 liegt die Ein­wil­li­gung ei­nes „Be­treu­ers“ in die Zwangs­be­hand­lung ei­nes “Be­treu­ten” mit ei­nem Neu­ro­lep­ti­kum wäh­rend ei­ner be­treu­ungs­recht­li­chen Un­ter­brin­gung nach oben an­ge­führ­tem § 1906 BGB auf ei­ner ge­schlos­se­nen Sta­ti­on zu­grun­de. Das zu­stän­di­ge Amts­ge­richt hat­te die Be­hand­lung ge­gen den Wi­der­stand des Be­trof­fe­nen ge­neh­migt. „Aus ärzt­li­cher Sicht“ sei der Be­trof­fe­ne be­hand­lungs­be­dürf­tig, weil er sich selbst ge­fähr­den und sich sein „Ge­sund­heits­zu­stand“ ver­schlech­tern kön­ne, so die Be­grün­dung des Amts­ge­richts.[21] Der Be­trof­fe­ne leg­te so­for­ti­ge Be­schwer­de ein, die das Land­ge­richt mit der sinn­ge­mäß sel­ben Ar­gu­men­ta­ti­on zu­rück­wies. Die er­neu­te Be­schwer­de des Be­trof­fe­nen hat dann der 17. Zi­vil­se­nat des OLG Cel­le mit dem Ur­teil vom 10.8.2005 für be­grün­det er­ach­tet und „die an­ge­foch­te­ne Ent­schei­dung des Land­ge­richts zu­nächst auf­ge­ho­ben und das Ver­fah­ren auch aus an­de­ren Grün­den an das Land­ge­richt zu­rück­ver­wie­sen“.[22] Das Ober­lan­des­ge­richt Cel­le ur­teil­te:

Ent­ge­gen der den Be­schlüs­sen still­schwei­gend zu­grun­de lie­gen­den Auf­fas­sun­gen des Amts­ge­richts und Land­ge­richts H. ist ei­ne Zwangs­be­hand­lung auf be­treu­ungs­recht­li­cher Grund­la­ge recht­lich nicht zu­läs­sig und da­her nicht ge­neh­mi­gungs­fä­hig“.[23] Denn: „Der sprach­lich ein­deu­ti­ge Ge­set­zes­text ent­hält nur die Be­fug­nis zur Un­ter­brin­gung bzw. un­ter­brin­gungs­ähn­li­chen Maß­nah­men nicht je­doch auch die Be­fug­nis zur – ge­mes­sen an der Ein­griff­in­ten­si­tät – deut­lich schwer­wie­gen­de­ren Zwangs­be­hand­lung.“ [24] Wei­ter heißt es in dem Ur­teil: „Der Se­nat folgt in­so­weit der Auf­fas­sung, nach der in An­leh­nung an die Ent­schei­dung des Bun­des­ge­richts­hofs zur am­bu­lan­ten Zwangs­be­hand­lung (Fam­RZ 2001,149) auch die sta­tio­nä­re Zwangs­be­hand­lung auf der Grund­la­ge des Be­treu­ungs­rechts in­fol­ge des Feh­lens ei­ner aus­rei­chen­den Rechts­grund­la­ge als recht­lich nicht zu­läs­sig an­ge­se­hen wird (OLG Thü­rin­gen, R&P 2003, 29; Mar­sch­ner, Zwangs­be­hand­lung in der am­bu­lan­ten und sta­tio­nä­ren Psych­ia­trie, R&P 2005, S.47ff. mit weit. Hin­wei­sen)“.[25] Die­se Auf­fas­sung grün­det sich auf das Ur­teil des Bun­des­ge­richts­hofs (BGH) vom 11. Ok­to­ber 2000[26]. Sie wur­de dann im Jahr 2004 An­lass, für  Zwangs­be­hand­lung au­ßer­halb ei­ner Un­ter­brin­gung auf ei­ner ge­schlos­se­nen Sta­ti­on („am­bu­lan­te Zwangs­be­hand­lung“) im Be­treu­ungs­recht ei­ne ge­setz­li­che Re­ge­lung zu schaf­fen. Die­ses Ge­setz­ge­bungs­ver­fah­ren konn­te aber er­folg­reich ver­ei­telt wer­den.

Zum „Re­zep­tur­teil“ des BGH: Mit sei­nem Be­schluss vom 1. Fe­bru­ar 2006 ent­schied der BGH in ei­ner Un­ter­brin­gungs­sa­che – im Un­ter­schied zu sei­ner im Jahr 2000 ver­tre­te­nen An­sicht – zu­guns­ten psych­ia­tri­scher Zwangs­be­hand­lung nach Be­treu­ungs­recht. [27] Al­ler­dings sei der „Frei­heit zur Krank­heit“, in „de­ren Gren­zen” der an­geb­lich „Kran­ke“ selbst ent­schei­den dürf­te, „ob er das Durch­le­ben sei­ner Krank­heit ei­ner aus sei­ner Sicht un­zu­mut­ba­ren Be­hand­lung (…) vor­zie­hen will“, je­doch „im Rah­men der Ver­hält­nis­mä­ßig­keits­prü­fung Rech­nung zu tra­gen“.[28] Da­her müs­se bei ei­ner Me­di­ka­ti­on mit Neu­ro­lep­ti­ka je­der Ein­zel­fall ge­nau ge­prüft wer­den.[29] Und so wur­de aus die­sem Ur­teil mit sei­nem letz­ten Ab­satz das „Re­zep­tur­teil“:

Die Sa­che gibt wei­ter­hin An­lass zu dem Hin­weis, dass in der Ge­neh­mi­gung ei­ner Un­ter­brin­gung nach § 1906 Abs. 1 Nr. 2 BGB die von dem Be­treu­ten zu dul­den­de Be­hand­lung so prä­zi­se wie mög­lich an­zu­ge­ben ist, weil sich nur aus die­sen An­ga­ben der Un­ter­brin­gungs­zweck so­wie In­halt, Ge­gen­stand und Aus­maß der von dem Be­treu­ten zu dul­den­den Be­hand­lung hin­rei­chend kon­kret und be­stimm­bar er­ge­ben (…) da­zu ge­hö­ren (…) auch die mög­lichst ge­naue An­ga­be des Arz­nei­mit­tels oder des Wirk­stof­fes und de­ren (Höchst-) Do­sie­rung so­wie Ver­ab­rei­chungs­häu­fig­keit; in­so­weit kann es sich emp­feh­len, vor­sorg­lich auch al­ter­na­ti­ve Me­di­ka­tio­nen für den Fall vor­zu­se­hen, dass das in ers­ter Li­nie vor­ge­seh­ne Me­di­ka­ment nicht die er­hoff­te Wir­kung hat oder vom Be­treu­ten nicht er­tra­gen wird“.[30]

Da­mit hat­te der BGH die Vor­mund­schafts­ge­rich­te, die Psych­ia­trie und eben­falls die Be­treue­rIn­nen, gleich­zei­tig in ei­ne un­be­que­me La­ge ge­bracht. Oh­ne die­se ge­nau­en An­ga­ben wird je­de psych­ia­tri­sche Zwangs­be­hand­lung auch nach der Aus­le­gung des BGH recht­lich ge­se­hen zur Kör­per­ver­let­zung. Mit ei­nem wei­te­ren Ur­teil des OLG Cel­le wur­de dann auch im Jahr 2007 ein Sieg ge­gen die Zwangs­psych­ia­trie in Wuns­dorf er­run­gen.[31] Des Wei­te­ren zeigt es, dass das „Re­zep­tur­teil“ ge­schei­tert ist: Wenn sich wei­ter­hin der­art Be­trof­fe­ne ge­gen ih­re Zwangs­be­hand­lung weh­ren – ge­setzt den Fall, sie hat­ten nicht den vor­zu­zie­hen­den Weg ge­wählt, sich durch ei­ne Pat­Ver­fü zu  schüt­zen - wä­ren im Prin­zip die mit den An­for­de­run­gen des BGH im Re­zep­tur­teil ver­bun­de­nen Kom­pli­ka­tio­nen und der Auf­wand – z.B. für ei­ne im­mens ho­he An­zahl an Un­ter­brin­gun­gen aus­wär­ti­ge Gut­ach­te­rIn­nen zu be­stel­len – zu groß, als dass sie ju­ris­tisch ein­wand­frei er­füllt wer­den könn­ten. [32] Aber wer will schon die Miss­hand­lun­gen durch­ste­hen, bis ein sol­ches Ur­teil über den In­stan­zen­weg erstrit­ten ist?

Wohl“ vor „Wil­le“?: Ein zen­tra­ler Eti­ket­ten­schwin­del der so­ge­nann­ten „Be­treu­ungs­rechts­re­form“ von 1992 ist, dass sich die Be­treue­rIn­nen bei all ih­ren Maß­nah­men an­geb­lich im­mer nach dem Wohl der Be­trof­fe­nen zu rich­ten hät­ten. § 1901 BGB, Ab­satz 2, be­sagt: „Der Be­treu­er hat die An­ge­le­gen­hei­ten des Be­treu­ten so zu be­sor­gen, wie es des­sen Wohl ent­spricht. Zum Wohl des Be­treu­ten ge­hört auch die Mög­lich­keit, im Rah­men sei­ner Fä­hig­kei­ten sein Le­ben nach sei­nen ei­ge­nen Wün­schen und Vor­stel­lun­gen zu ge­stal­ten“. Das klingt erst mal gut, der Ab­satz wur­de bis­her je­doch (lei­der) so ge­le­sen, dass Letz­te­res, al­so die Selbst­be­stim­mung des Be­vor­mun­de­ten, of­fen­bar nur ei­nen ‘Teil­as­pekt’ sei­nes Woh­les und nur ei­ne Mög­lich­keit dar­stel­le, an die der Be­treu­er aber nicht zwin­gend ge­bun­den ist. Dies wird in § 1901 BGB, Ab­satz 3, ver­deut­licht: „Der Be­treu­er hat Wün­schen des Be­treu­ten zu ent­spre­chen, so­weit dies des­sen Wohl nicht zu­wi­der­läuft und dem Be­treu­er zu­zu­mu­ten ist. Dies gilt auch für Wün­sche, die der Be­treu­te vor der Be­stel­lung des Be­treu­ers ge­äu­ßert hat, es sei denn, dass er an die­sen Wün­schen er­kenn­bar nicht fest­hal­ten will….“ Da die Be­vor­mun­de­ten als „nicht ein­sichts­fä­hig“ gel­ten, kön­nen sie nach die­ser ‚Lo­gik‘ auch ihr ei­ge­nes Wohl nicht be­stim­men. Da den Vor­mün­dern als „psy­chisch Ge­sun­den“ un­ter­stellt wird, „ein­sichts­fä­hig“ – al­so ärz­te­ge­fäl­lig – zu sein und es ih­nen ob­liegt, für das „Wohl“ der „Be­treu­ten“ zu sor­gen, kön­nen sie sich an­ma­ßen, bei je­der der ih­nen ge­setz­lich an­ver­trau­ten Auf­ga­ben, das, was sie bzw. die Psych­ia­te­rIn­nen vor­ge­ben, es sei zum Woh­le des Be­vor­mun­de­ten, ge­gen des­sen – oh­ne­hin nur als „na­tür­lich“ dis­qua­li­fi­zier­ten – Wil­len durch­zu­set­zen. Die Vor­mün­der brau­chen un­ter die­sen Maß­ga­ben ih­re Mün­del noch nicht ein­mal über ih­re Ent­schei­dun­gen zu in­for­mie­ren, in § 1901 BGB, Ab­satz 3, heißt es näm­lich wei­ter: „…Ehe der Be­treu­er wich­ti­ge An­ge­le­gen­hei­ten er­le­digt, be­spricht er sie mit dem Be­treu­ten, so­fern dies des­sen Wohl nicht zu­wi­der­läuft“.

Wil­le“ vor „Wohl“!: Der oben ge­nann­te Eti­ket­ten­schwin­del im Be­treu­ungs­recht ist vom Ge­setz­ge­ber mit dem Ge­setz zur Pa­ti­en­ten­ver­fü­gung an ent­schei­den­der Stel­le auf­ge­bro­chen wor­den! Der neu ein­ge­schla­ge­ne Weg, dass der Wil­le der Pa­ti­en­tIn­nen recht­lich an­zu­er­ken­nen sei und Vor­rang hat ge­gen­über dem, was an­de­re als ihr (ver­meint­li­ches) Wohl an­se­hen und da­mit auch der Wil­le mit dem ei­ge­nen Wohl selbst­be­stimmt iden­tisch wird, hat weit­rei­chen­de Wir­kun­gen bei ge­richt­lich an­ge­ord­ne­ten Ent­mün­di­gun­gen: Erst­mals be­steht die Chan­ce, dass sich in Vor­mund­schaf­ten Be­trof­fe­ne da­mit durch­setz­ten könn­ten, dass nicht mehr ge­gen ih­ren „na­tür­li­chen“ Wil­len ge­han­delt wer­den darf. Die Be­treue­rIn­nen ha­ben sich nun­mehr an den ak­tu­ell er­klär­ten Wil­len und ins­be­son­de­re bei Vor­han­den­sein ei­ner Pa­ti­en­ten­ver­fü­gung an den im Vor­aus er­klär­ten Wil­len zu hal­ten. Da­mit könn­te sich der Cha­rak­ter von „Be­treu­ung“ so wan­deln, dass sie tat­säch­lich treu zum Be­treu­ten wird und ei­ner Voll­macht gleich­kommt. (Wei­te­res zum Wan­del der Sicht­wei­se auf „Wil­le und Wohl“ sie­he gleich­na­mi­gen Ab­schnitt in die­ser Bro­schü­re.)


[9] Deut­scher Bun­des­tag Druck­sa­che 15/2494: Ge­setz­ent­wurf des Bun­des­ra­tes. Ent­wurf eines…Gesetzes zur Än­de­rung des Be­treu­ungs­rechts (…Be­treu­ungs­rechts­än­de­rungs­ge­setz - …BtÄndG), 12.02.2004, Sei­te 28

[10] In der öf­fent­li­chen An­hö­rung des Rechts­aus­schus­ses des deut­schen Bun­des­ta­ges, der 49. Sit­zung am 26. Mai 2004, sag­te der Sach­ver­stän­di­ge Prof. Dr. Dr. Rolf D. Hirsch, Ge­ron­to­psych­ia­ter und Psy­cho­the­ra­peut, zur Deut­lich­ma­chung der Will­kür­lich­keit psych­ia­tri­scher Dia­gno­sen, dass er oh­ne Pro­ble­me zwei Drit­tel der ge­ra­de An­we­sen­den „de­ment schrei­ben“ kön­ne. Lei­der fand die­se Äu­ße­rung kei­nen Ein­gang in das schrift­li­che Pro­to­koll die­ser Sit­zung und müss­te durch Ab­ge­ord­ne­te aus dem Au­dio­ar­chiv an­ge­for­dert wer­den. (Pro­to­koll Nr.49, Deut­scher Bun­des­tag - 15. Wahl­pe­ri­ode -)

[11] Bro­schü­re „Be­treu­ungs­recht“ 2009, her­aus­ge­ge­ben vom Bun­des­mi­nis­te­ri­um der Jus­tiz, S. 8

[12] Ebd.

[13] Hier der Ab­druck des § 1903 BGB „Ein­wil­li­gungs­vor­be­halt“:

(1) So­weit dies zur Ab­wen­dung ei­ner er­heb­li­chen Ge­fahr für die Per­son oder das Ver­mö­gen des Be­treu­ten er­for­der­lich ist, ord­net das Be­treu­ungs­ge­richt an, dass der Be­treu­te zu ei­ner Wil­lens­er­klä­rung, die den Auf­ga­ben­kreis des Be­treu­ers be­trifft, des­sen Ein­wil­li­gung be­darf (Ein­wil­li­gungs­vor­be­halt). Die §§ 108 bis 113, 131 Abs. 2 und § 210 gel­ten ent­spre­chend.

(2) Ein Ein­wil­li­gungs­vor­be­halt kann sich nicht er­stre­cken auf Wil­lens­er­klä­run­gen, die auf Ein­ge­hung ei­ner Ehe oder Be­grün­dung ei­ner Le­bens­part­ner­schaft ge­rich­tet sind, auf Ver­fü­gun­gen von To­des we­gen und auf Wil­lens­er­klä­run­gen, zu de­nen ein be­schränkt Ge­schäfts­fä­hi­ger nach den Vor­schrif­ten des Bu­ches vier und fünf nicht der Zu­stim­mung sei­nes ge­setz­li­chen Ver­tre­ters be­darf.

(3) Ist ein Ein­wil­li­gungs­vor­be­halt an­ge­ord­net, so be­darf der Be­treu­te den­noch nicht der Ein­wil­li­gung sei­nes Be­treu­ers, wenn die Wil­lens­er­klä­rung dem Be­treu­ten le­dig­lich ei­nen recht­li­chen Vor­teil bringt. So­weit das Ge­richt nichts an­de­res an­ord­net, gilt dies auch, wenn die Wil­lens­er­klä­rung ei­ne ge­ring­fü­gi­ge An­ge­le­gen­heit des täg­li­chen Le­bens be­trifft.

(4) § 1901 Abs. 5 gilt ent­spre­chend.“

[15] Ebd.: 9

[16] Zu der Dis­kus­si­on über „Wohl“ und „Wil­le“ im Be­treu­ungs­recht sie­he so­wohl am En­de die­ses Ab­schnitts über Zwangs­maß­nah­men im Be­treu­ungs­recht als auch im Ab­schnitt „Wil­le und Wohl“

[17] Vgl. „Zwangs­psych­ia­trie in Zah­len und die Will­kür psych­ia­tri­scher „Dia­gnos­tik““: Von 1992 bis 2002 An­ord­nun­gen von Ein­wil­li­gungs­vor­be­hal­ten um das Dop­pel­te ge­stie­gen auf 10.214

[18] Sie­he auch Wolf­gang Lesting: Voll­zug oh­ne Voll­zugs­recht. Zur feh­len­den ge­setz­li­chen Grund­la­ge des Voll­zugs der zi­vil­recht­li­chen Un­ter­brin­gung. In: Recht & Psych­ia­trie 3/2010

[20] ebd.

[21] Vgl. Narr, Wolf-Die­ter/S­a­schen­bre­cker, Tho­mas: Un­ter­brin­gung und Zwangs­be­hand­lung. Ei­ne Nach­fra­ge bei den Vor­mund­schafts­ge­rich­ten. Fam­RZ, die Zeit­schrift für das ge­sam­te Fa­mi­li­en­recht, Heft Nr. 15 vom 1.8.2006, Sei­te 1079–1083.

[22] ebd.

[23] OLG Cel­le – Be­schluss vom 10.8.2005, in der Be­treu­ungs­sa­che be­tref­fend. 17 W 37/05

[24] ebd.

[25] ebd.

[26] BGH, Be­schluss vom 11.Oktober 2000 in der Be­treu­ungs­sa­che. XII ZB 69/00

[27] BGH, Be­schluss vom 1. Fe­bru­ar 2006 in der Un­ter­brin­gungs­sa­che be­tref­fend. XII ZB 236/05

[28] ebd.: 7

[29] vgl. ebd.

[30] Ebd.: S. 16

[31] OLG Cel­le, Be­schluss vom 10.7.2007, in der Be­treu­ungs- und Un­ter­brin­gungs­sa­che be­tref­fend. 17 W 72 + 73 + 74/07

[32] Aus­führ­li­che Dis­kus­si­on zum Ur­teil von Cel­le, zum Re­zep­tur­teil und Fol­gen sie­he Hal­mi, Ali­ce 2008: Sei­te 74-82. www.irrenoffensive.de/kontinuitaeten.htm