PatVerfü-Handbuch

Das PatVerfü-Handbuch enthält ausführliche Informationen rund um das Thema PatVerfü. Sie können das Handbuch online lesen, als EBook herunterladen oder die gedruckte Broschüre bestellen. Oder lesen Sie die Einführung ins Thema.

Das PatVerfü-Handbuch ent­hält aus­führ­li­che In­for­ma­tio­nen rund um das Thema Pat­Verfü. Die The­men rei­chen von den ge­setz­li­chen Grund­la­gen für psych­ia­tri­schen Zwang bis hin zu prak­ti­schen Tipps, um sich mit der Pat­Verfü vor Zwangs­maß­nahmen zu schützen.

Möglichkeiten bei einem sich anbahnenden Verfahren nach §63 StGB (forensische Psychiatrie)

Wer un­ter be­stimm­ten Um­stän­den ei­ne Straf­tat be­gan­gen hat und ge­ge­be­nen­falls zu­dem noch in der Ver­gan­gen­heit psych­ia­trisch auf­fäl­lig ge­wor­den ist, d.h. ei­ne psych­ia­tri­sche Ak­te hat, dem/der kann ei­ne Ver­ur­tei­lung nach §63 StGB (oder bei Dro­gen­de­lik­ten auch nach §64 StGB) dro­hen (vgl. ). Be­vor es da­zu kommt, gibt es für die/den Betreffende/n ei­ne Chan­ce, sich mit ei­ner von An­fang an ge­wief­ten Ver­tei­di­gung zu ent­schei­den, im Fal­le ei­ner Ver­ur­tei­lung im nicht-psych­ia­tri­schen Knast zu brum­men, an­statt auf­grund an­geb­li­cher „psy­chi­scher Krank­heit“ für „schuld­un­fä­hig“ er­klärt zu wer­den und als­dann in ei­ner An­stalt der fo­ren­si­schen Psych­ia­trie in­haf­tiert zu sein. Es gibt für ei­ni­ge Men­schen Ar­gu­men­te (und Ängs­te) wi­der den nicht-psych­ia­tri­schen Knast, die of­fen­bar von den fol­gen­den Über­le­gun­gen nicht auf­ge­wo­gen wer­den kön­nen. Die Ent­schei­dung, wel­cher Pfad der Ver­tei­di­gung für ei­nen Straf­pro­zess ein­ge­schla­gen wer­den soll, liegt bei der/dem ein­zel­nen Be­trof­fe­nen. Wir möch­ten den­noch an die­ser Stel­le (noch ein­mal) zu be­den­ken ge­ben, was un­se­rer Mei­nung nach ge­gen die Ent­schei­dung ei­ner Ver­tei­di­gung mit Hil­fe ei­nes psychiatrisch/forensischen Gut­ach­tens spricht: In der Fo­ren­sik sitzt man/frau al­ler Wahr­schein­lich­keit nach viel län­ger für die­sel­be Straf­tat, wie im Knast und ist zu­dem der Will­kür ei­nes Ärz­te-Re­gimes aus­ge­lie­fert: Die ob­szö­ne In­va­si­on in die ei­ge­ne Per­sön­lich­keit und der Ko­lo­nia­li­sie­rungs­ver­such durch „The­ra­pie“, Zwangs­be­hand­lung mit un­er­wünsch­ten Dro­gen, v.a. Neu­ro­lep­ti­ka, ist in der Zwangs­si­tua­ti­on ei­ner Fo­ren­sik na­he­zu über­mäch­tig. Fo­ren­sik un­ge­bro­chen zu über­ste­hen ge­lingt nur ganz We­ni­gen.

Un­be­dingt zu be­den­ken ist: Wenn ei­ne Ver­ur­tei­lung nach § 63 StGB er­folgt ist, gibt es kei­ne Per­spek­ti­ve für „da­nach“ mehr, weil die Ein­sper­rung prak­tisch will­kür­lich und oh­ne wirk­sa­me Re­vi­si­ons­in­stanz in die Län­ge ge­zo­gen wer­den kann. Auch ein An­walt kann ei­nem nicht mehr wirk­lich hel­fen, weil es al­lei­ne ärzt­li­che Will­kür-Gut­ach­ten sind, die as­tro­lo­gisch-pro­phe­tisch über Ihr wei­te­res Schick­sal ent­schei­den. Erst wenn eine/r viel­leicht dop­pelt so lan­ge, wie für die­sel­be Straf­tat im Knast, in der Schlan­gen­gru­be der Fo­ren­sik ge­ses­sen hat, gibt es ei­ne Aus­sicht, mit dem Ver­weis auf die völ­li­ge Un­ver­hält­nis­mä­ßig­keit auf ei­ne Frei­las­sung zu hof­fen.[82]

Wenn man sich ge­gen ei­ne Ver­tei­di­gung mit Hil­fe ei­nes psych­ia­tri­schen Gut­ach­tens ent­schie­den hat, gibt es ein Ur­teil des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts (s.u.), mit dem die­se Ent­schei­dung durch­ge­setzt wer­den kann, wenn man wirk­lich kon­se­quent da­bei bleibt. Da­zu ge­hört auch, je­den Dia­gnos­ti­zie­rungs­ver­such durch ab­so­lut kon­se­quen­tes Schwei­gen (bzw. der Ver­wei­ge­rung mit ei­nem Arzt über­haupt zu spre­chen) zu un­ter­lau­fen, und in ei­ner fo­ren­si­schen Un­ter­su­chungs­haft nur Freun­den Brie­fe mit­zu­ge­ben, da auch die Brie­fin­hal­te ge­gen ei­nen ge­wen­det wer­den kön­nen, wenn sie durch die Zen­sur ge­hen und dann als Ma­te­ri­al für ei­ne psych­ia­tri­sche Ver­leum­dungs­dia­gno­se her­hal­ten müs­sen. Hilf­reich, wahr­schein­lich so­gar not­wen­dig ist es, eine/n Anwältin/Anwalt als Ver­tei­di­ger zu ha­ben, die/der die­se Stra­te­gie wirk­lich mit in­ne­rer Über­zeu­gung trägt. Lei­der las­sen sich vie­le Straf­ver­tei­di­ger noch da­von blen­den, dass sie mit der Ver­tei­di­gung über „Schuldunfähigkeit/§ 63“ ei­nem Pro­zess ei­ne er­folg­rei­che Wen­de ge­ben könn­ten. Des­halb vor ei­ner Man­da­tie­rung des Ver­tei­di­gers die­sen be­fra­gen, ob er/sie wirk­lich be­reit ist, sich für ei­ne sol­che Pro­zess­stra­te­gie oh­ne psych­ia­tri­sches Gut­ach­ten ein­zu­set­zen. Da­zu ge­hört dann even­tu­ell so­gar ei­ne ge­richt­li­che Aus­ein­an­der­set­zung über al­le In­stan­zen, um es zu ver­hin­dern, mit Hil­fe des § 126a StPO zwangs­be­gut­ach­tet zu wer­den. Das Ur­teil des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts, auf das man sich da­bei be­ru­fen kann, hat die­ses Ak­ten­zei­chen: 2 BvR 1523/01.[83]

Ei­ne wei­te­re Stüt­ze in ei­nem Straf­ver­fah­ren, in dem Sie ei­ne Be­stra­fung mit­tels § 63 StGB ver­hin­dern wol­len, ist die Dis­ser­ta­ti­on von An­ne­lie Pra­po­li­nat: „Sub­jek­ti­ve An­for­de­run­gen an ei­ne ‚rechts­wid­ri­ge‘ Tat bei § 63“[84]. Zu­min­dest Ih­rem Ver­tei­di­ger le­gen wir die­sen Text ans Herz.

Soll­ten Sie für ei­ne sol­che Ver­tei­di­gungs­stra­te­gie kei­nen Ver­tei­di­ger in Ih­rem Um­feld fin­den, dem sie auch ver­trau­en, dann ver­su­chen Sie ei­nen der An­wäl­te des Kar­tells ge­gen § 63 StGB zu kon­tak­tie­ren. Oder Sie ru­fen die Fo­ren­sik-Not­ruf­num­mer des Wer­ner-Fuss-Zen­trums an: 030-818 213 90. Die Hot­line hilft dann, eine/n geeignete/n Rechts­an­wäl­tIn zu fin­den. Für die­se Not­ruf-Num­mer ist es al­ler­dings zu spät, wenn Sie schon ver­ur­teilt wur­den.

Wer sich für ei­ne Kri­tik der Fo­ren­sik in­ner­halb der Lo­gik der Zwangs­psych­ia­trie in­ter­es­sie­ren soll­te, al­so be­reit ist, dem psych­ia­tri­schen Gut­ach­ten mehr als ein rei­nes Wort­ge­stö­ber zu­zu­bil­li­gen, dem emp­feh­len wir den er­hel­len­den Bei­trag Ver­tei­di­gung im Maß­re­gel­voll­zug des § 63 StGB der Rechts­an­wäl­tin Ga­brie­le Steck-Brom­me, ge­hal­ten auf dem Straf­ver­tei­di­ger­tag in Köln am 28.02.2009.


[82] Sie­he da­zu die Ent­schei­dung des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts 2 BvR 983/04 nach 23(!) Jah­ren Fo­ren­sik we­gen ei­nem Ver­stoß ge­gen das Waf­fen­ge­setz, ei­nem Dieb­stahl in ei­nem be­son­ders schwe­ren Fall und ei­ner Be­dro­hung, oh­ne dass dem Be­trof­fe­nen ein Ge­walt­de­likt zur Last ge­legt wur­de.

[83] Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt Ent­schei­dung 2 BvR 1523/01. www.bundesverfassungsgericht.de/entscheidungen/rk20011009_2bvr152301.html

[84] Pra­po­li­nat, An­ne­lie:  Sub­jek­ti­ve An­for­de­run­gen an ei­ne „rechts­wid­ri­ge Tat“ bei § 63 StGB. Ei­ne kri­ti­sche Wür­di­gung der Leh­re des Bun­des­ge­richts­ho­fes von der Un­be­acht­lich­keit spe­zi­fisch krank­heits­be­ding­ter Irr­tü­mer. Saar­brü­cker Ver­lag für Rechts­wis­sen­schaf­ten 2009. Auch im In­ter­net un­ter: www.sub.uni-hamburg.de/opus/volltexte/2004/2271/pdf/Dissertation.pdf